Ist unsere Obsession mit Beauty-Services nur Show?
Im Netz wird zunehmend gefragt, warum wir „girl maintenance“ überhaupt machen.
Einmal durch X scrollen und schon springen dir Anzeichen von Beauty-Fatigue ins Auge. Für die Gen Z sind die üblichen Besuche im Salon — online bisweilen als “girl maintenance” bezeichnet — von einem rituellen Akt der Selbstfürsorge zu einer mental belastenden Pflicht geworden. In unruhigen Zeiten kommen viele Internetnutzer:innen zu dem Schluss, dass Beauty-Services den finanziellen Aufwand nicht mehr wert sind. Für andere auf der Plattform ist die kollektive Absage jedoch Anlass für eine größere Grundsatzfrage: ob unsere Obsession mit Nägeln, Haaren und Skincare nur eine Inszenierung von Weiblichkeit ist.
Nachdem mehrere Posts, die Beauty-Fatigue thematisierten, auf der Website kursierten, konterten einige Nutzer:innen prompt — mit der Behauptung, die Gesellschaft habe Frauen gehirngewaschen, Salonbesuche als Notwendigkeit statt als echtes Interesse zu betrachten. “Ich verspreche dir, du musst nichts davon tun, um deine Weiblichkeit zu bestätigen”, ein:e Nutzer:inschreibt. Auch wenn die Vorstellung, dass Grooming aus einer unterdrückerischen, patriarchalen Kraft erwächst, alles andere als neu ist, ist unsere sich stetig wandelnde Haltung zu Beauty längst nicht mehr so eindeutig, wie sie einst schien.
well maybe you should stop doing it then https://t.co/QEq6V1LvaB pic.twitter.com/vqsmeiJXfH
— jules 🦢 (@mrkgemma) September 13, 2025
Für Beauty-Profis ist der Wandel unübersehbar. Die lizenzierte Kosmetikerin Tiffany Blacknall Benjamin räumt ein, dass die Vorstellung, Beauty-Behandlungen seien performativ, daher rührt, dass sie einst Frauen ursprünglich aufgezwungen wurden. “Über Generationen hinweg ging es bei Beauty-Services um Überleben und Anpassung. Geglättetes Haar, polierte Nägel, gewachste Brauen — all das wurde zur leisen Inszenierung von Professionalität und Akzeptanz, besonders für Women of Color, die Zugang zu Jobchancen suchten oder Diskriminierung vermeiden wollten”, sagt sie Hypebae. Doch die Kosmetikerin stellt inzwischen fest, dass ihre Kundinnen und Kunden sie nicht aufsuchen, um eine Version ihrer eigenen Weiblichkeit aufzuführen — sondern vielmehr als echte Quelle von Erfüllung und Entspannung.
Außerdem betont Blacknall Benjamin, dass Beauty-Behandlungen durchaus eine Notwendigkeit sind — jedoch keine, die aus Unsicherheit gespeist wird. “Beauty-Services liegen an der Schnittstelle von Identität, Wellness und Zugang. Sie sind notwendig — nicht, weil wir sie brauchen, um schön zu sein, sondern weil wir es verdienen, uns gesehen und umsorgt zu fühlen”, sagt sie. In das eigene Äußere zu investieren, dient längst nicht mehr narzisstischen Tendenzen oder männlichen Fantasien. Für Beauty-Fans wie -Profis ist es ein Ventil für selbstbewussten Selbstausdruck.
Ähnlich, berichtet auch die Master-Kosmetikerin und Beauty-Dozentin Stanley Nolan aus erster Hand, wie sich Beauty von einer Checkliste zu einer therapeutischen Erfahrung gewandelt hat. “In einer Welt, die sich so rasant dreht, ist diese Stunde auf meinem Stuhl eine der wenigen Gelegenheiten, einmal wirklich abzuschalten und sich verwöhnen zu lassen”, sagt sie. Darüber hinaus versteht Nolans Kundschaft ihre Services als Möglichkeit, sich zu stärken und sich wie die beste Version ihrer selbst zu fühlen. “Es steckt eine besondere Kraft darin, Zeit in sich selbst zu investieren”, ergänzt sie.
That’s when you start doing it yourself, for yourself !! https://t.co/Lv5njI9NUb
— 𝓂𝑒𝓁 𝄞 (@melodylovespell) September 14, 2025
Auf dem Höhepunkt von COVID-19 Ärztin Vivian Chin ging davon aus, dass die Nachfrage nach Beauty-Behandlungen rapide einbrechen würde. Doch sie stellte schnell fest, dass nicht einmal die Einführung von Masken ihre Kundschaft von Lippenfillern abhielt. “Das Gegenteil trat ein — wir hatten mehr Termine für Lippenfiller denn je”, sagt sie. “Das hat mir gezeigt, dass Frauen diese Behandlungen für ihr eigenes Gefühl von Selbstvertrauen und Fürsorge suchen, nicht für Bestätigung von außen. Es war eine kraftvolle Erinnerung daran, dass Beauty, wenn sie selbstbestimmt ist, eine zutiefst persönliche, bestärkende Entscheidung sein kann — keine Performance.”
Während junge Beauty-Fans ihre Termine gegen DIY-Versionen dank TikTok, nehmen Beauty-Profis den Einfluss der sozialen Medien auf die Beauty-Landschaft als Ganzes immer deutlicher wahr. Für Chin liegt die Kraft sozialer Medien in ihrer Fähigkeit, Trends zu verstärken und ein junges Publikum zu erreichen. Ihre Schwäche hingegen ist die Blindheit gegenüber verzerrten Idealen und überholten Prinzipien. “Die Herausforderung besteht darin, echte Innovation von kurzlebigen Hypes zu trennen. Ich finde, diese Plattformen haben Wert, wenn sie Neugier oder Bildung inspirieren, aber sie können auch verzerren, was realistisch ist.”
Beauty-Fans füllen ihre Kalender vielleicht nicht mehr mit Salonterminen — aber das heißt nicht, dass sie sich zu Hause nicht trotzdem die Haare ruinieren. Unabhängig davon, ob “girl maintenance” ein Produkt des Patriarchats ist oder nicht: Die Hingebungsvollen werden immer einen Weg finden, sich über Beauty auszudrücken. Denn wenn das Sich-am-besten-Fühlen eine Performance ist, kann das wichtigste Publikum nur man selbst sein.
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