Clever ist wieder sexy: Willkommen in der Ära der Literary It-Girl

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Dua Lipa, Kaia Gerber, Kendall Jenner, Getty

Nach Jahren von Wellness-Core, Clean-Girl-Ästhetik und hypervisueller Begehrlichkeit meldet sich jetzt der Intellekt zu Wort. Schlau sein ist offiziell wieder sexy. Aber steckt dahinter wirklich eine echte Sehnsucht nach Tiefe – oder nur das nächste Projekt zur Selbstoptimierung?

Im vergangenen Jahr ist Content rund ums „Schlauerwerden“ deutlich sichtbarer geworden, etwa Buch-Clubs, kulturelle Kommentare und kuratierte „Mediendiäten“, die das Doomscrolling ersetzen sollen. Prominente gehen voran, mit Dua Lipa und Kaia Gerber, die Buchclubs hosten, Charli XCX und Troye Sivan launchen Substacks und Emma ChamberlainsPodcast, der immer häufiger in philosophische Gespräche abdriftet. Willkommen in der Ära des literarischen It-Girls.

Dua Lipas Kulturplattform und Buchclub, Service95, verzeichnet inzwischen eine treue Community, deren Fans Buchhandlungen durchkämmen, um die monatliche Auswahl zu ergattern (die aktuelle Empfehlung ist Night People von Mark Ronson). Durch Autor*innen-Interviews, Leseguides und Community-Diskussionen hat Service95 eine Form der Online-Verbundenheit geschaffen, die über reine Social-Media-Optik hinausgeht. Lesen, noch vor Kurzem als einsam oder sogar unsozial abgestempelt, wurde neu als Cool-Girl-Aktivität gerahmt. Selfies mit Büchern, Lesen in der Bahn oder der Gang ins Café, speziell zum Lesen, wirken heute auf eine Weise mainstream, wie es vor ein paar Jahren noch nicht der Fall war.

Dieser Wandel beschränkt sich nicht auf Celebrities. Öffentlich bekannte Frauen wie Rama Duwaji, die New York-basierte Illustratorin und Ehefrau des Bürgermeisters Zohran Mamdani, sind zu unerwarteten Stilreferenzen geworden und verkörpern eine Variante von intellektuellem Cool, die künstlerisch, politisch und bewusst unpoliert ist. Es geht weniger um Statusluxus und mehr darum, wirklich etwas zu sagen zu haben.

Von hier aus hat sich eine Art Pseudointellektualismus herausgebildet. Auf TikTok, kursieren Trends wie „going analogue“, „becoming disgustingly educated“ und „the media I consume instead of doomscrolling“ neben Neujahrsvorsätzen, die darauf abzielen, Nischenthemen zu meistern oder einen persönlichen Lehrplan aufzubauen. Diese Formate zeigen Creator, die aktiv versuchen, Gehirnverfall zu umgehen und ihre Versuche dokumentieren, in einer zunehmend fragmentierten digitalen Landschaft ihre Konzentration zurückzuerobern. Eine Creatorin, Bella, teilte in einem Video mit ihren kulturellen Prognosen für 2026 die Aussage „being smart is sexy“. Aber macht es, Intellektualität zu einem Trend zu erklären, ihr Verfallsdatum nicht quasi automatisch mit?

@sedodiaries hi my swans, it’s time to get disgustingly educated in 2026 🦢 #2026planning #feminineenergy ♬ Brandenburg Concerto No. 3 in G major(1450264) – Yusuke

Je bewusster uns die kognitiven Nebenwirkungen von KI und permanentem Scrollen werden – etwa kürzere Aufmerksamkeitsspannen und das Auslagern des Denkens –, desto deutlicher setzt eine unterschwellige Panik ein. Längere, geschriebene Formate werden nun als Tool des Widerstands neu aufgeladen. Wo Instagram einst hyperpolierte Ästhetik pushte, füllen sich die Feeds jetzt mit vermeintlich Tiefgründigem, um eine einzigartige Perspektive zu inszenieren. Doch wenn all das so kuratiert und durchinszeniert ist, bleibt die Frage im Raum: Ist das echt?

Das literarische It-Girl definiert sich nicht nur über Bücher. Es geht darum, Geschmack und Insiderwissen zu signalisieren – in einer Ära, in der Ästhetik nivelliert und demokratisiert wurde. Wenn alle sich gut anziehen, perfekt thriften und über global zugängliche Plattformen dieselben Trends referenzieren können, wird Intellekt zur nächsten Grenze der Distinktion. Während KI uns das Denken abnimmt, wird das Wissen, wie man denkt, zur neuen Elitekompetenz. Kontext und Referenzen funktionieren inzwischen als kulturelle Währung – schwerer zu kopieren und schwerer zu faken.

@sumimrk media I’ve been consuming instead of doomscrolling!! aka my recent media favs @Mina Le @Life Academy The Podcast #fyp #filmtok #minale #agegaprelationship #hollywood #thoughtdaughter #twinpeaks #firewalkwithme #laurapalmer #davidlynch #lifeacademy #danceacademy #thesafekeep #whattowatch #yearning ♬ Swan Lake „dance of four swans“ – Kohrogi

Deshalb zeigt jetzt plötzlich jede*r „seine Hausaufgaben“. Outfit-Videos erklären ihre Runway-Referenzen, Bücher werden nicht nur gelesen, sondern vor der Kamera auseinandergenommen, und den letzten Artikel, den man gelesen hat, statt des Videos, das man gesehen hat, zu erwähnen, ist zur Kurzformel für „Intelligenz“ geworden. Der Flex besteht nicht mehr nur darin, Geschmack zu haben, sondern ihn auch einordnen zu können.

Irgendwann hat sich das literarische It-Girl zum rundum intellektuellen It-Girl weiterentwickelt. Sie liest nicht nur Romane; sie abonniert politische Newsletter, kuratiert Mediendiäten und ist stolz darauf, „niche“ zu sein. Obskure Referenzen und hyperspezifische Interests sind zum Beweis dafür geworden, dass man wirklich nicht wie „die anderen Girls“ ist.

In einer Kultur, die von oberflächlichem Content übersättigt ist, deutet die Hinwendung zum Lesen und Denken – selbst wenn sie unperfekt oder ästhetisiert ist – auf ein kollektives Verlangen nach Tiefe hin. Ob das eine Renaissance des Intellektualismus oder seine Verwässerung markiert, bleibt abzuwarten. Aber fürs Erste ist schlau sein hot – und wir finden, das ist ziemlich cool.

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