Soll haarige Mode wirklich getragen werden?
Wir haben mit zwei Designer*innen darüber gesprochen, wie Haare als Textil eingesetzt werden.
Auf dem Laufsteg werden Haare zu weit mehr als etwas, das einfach nur aus unseren Köpfen wächst, und betreten die Welt der Textilien. Bei seiner ersten Couture-Show seit fast zehn Jahren Charlie Le Mindu schickte bodenlange Mäntel und Zweiteiler aus echtem Menschenhaar über den Spring/Summer 2026-Runway. Auch wenn seine Pieces für hochgezogene Augenbrauen sorgen dürften, sagt Le Mindu, es gehe ihm nicht um Schockeffekte, sondern darum, Haar als Medium in den Fokus zu rücken.
2003 begann Le Mindu erstmals, Kostüme aus Haar zu konstruieren. Obwohl der Einsatz von Haar als Textil weithin als avantgardistische Praxis gilt, ist der Designer überzeugt, dass es viel häufiger verwendet werden sollte, und betont, dass es sich für nahezu jede Designphilosophie eignet – genau wie Tierfell. „Wir brauchen mehr Designs aus Menschenhaar. Es ist ein Textil. Es ist menschliches Fell, aber wir töten niemanden“, sagt er Hypebae.
Unter den vielen Interpretationen haariger Mode hebt Le Mindu explizit Fashion-Newcomerin Evanie Frausto, die mit SHOWPONY und ihrer allerersten Kollektion bei der New York Fashion Week in dieser Fall/Winter 2026-Saison debütierte – mit fließenden Röcken und Kitten Heels, die vollständig mit Haar überzogen waren. Mit ihren Wurzeln im Hairstyling sagt Frausto, der Wunsch, SHOWPONY zu kreieren, sei aus „wirklich, wirklich großer Langeweile“ entstanden, und erzählt, dass sie beim Arbeiten mit Haar immer als „dieses neue, freakige Kind“ wahrgenommen wurde.
„Man sollte Haar nutzen – aber auf die ganz eigene Weise“, sagt Le Mindu über SHOWPONYs Debüt. Obwohl beide Kollektionen mit ähnlichen Silhouetten spielen, betont Frausto, ihre Kollektion sei aus dem grenzüberschreitenden Ruf entstanden, den sie sich als Hairstylistin erarbeitet hat. „Ich wollte mein eigenes System aufbrechen und etwas Verrücktes machen, das sich wahrhaftig nach mir und meiner Kunst anfühlt“, sagt sie zu Hypebae.
Doch die größte Schnittmenge der beiden Designer:innen liegt in dem unbeschreiblichen, unheimlichen Gefühl, das ihre Pieces auslösen. Le Mindu sieht Haar zwar als faszinierendes Material, räumt aber zugleich ein, dass es im selben Moment Ekel hervorrufen kann. „Manche Menschen hassen [Haar] wirklich – ich auch, manchmal finde ich es wunderschön, aber wenn ich Haare in meiner Wohnung entdecke, denke ich: ‚Das ist so widerlich.‘ Es ist also Schönheit, aber auch abstoßend.“
Für Frausto sind die polarisierenden Reaktionen vor allem Ansporn. „Ich bin schon so lange Hairstylistin, Haar ist für mich völlig normal geworden. Aber jedes Mal, wenn ich eine Perücke hervorhole, werde ich daran erinnert, weil immer erstmal ein Keuchen durch den Raum geht“, sagt sie. „Und genau dieses Gefühl liebe ich und möchte es noch stärker ausreizen.“ Wie sich bei HorsegiirL als Closing-Act von SHOWPONYs erstem Laufsteg-Auftritt zeigt, inszeniert Frausto hingegen ganz bewusst das Spektakel.
Unter den vielen Kritiken an haariger Mode gibt es die Ansicht, sie werde niemals jenseits des Catwalks getragen werden – worauf Charlie Le Mindu entgegnet, dass genau das sein Punkt sei. „Es ist Haute Couture, es ist ein tragbares, zeitgenössisches Kunstwerk, aber nur für besondere Anlässe. Ich sehe sie nicht als etwas, das man jeden Tag trägt“, sagt er Hypebae. „Ich finde, sie sind viel außergewöhnlicher als das. Menschenhaar ist besonders und fühlt sich besonders an – und ich finde, das sollte so bleiben.“


















