Steht Tennis vor einer Fashion-Revolution?
Naomi Osakas maßgeschneiderter Australian-Open-Look hat eine hitzige Online-Debatte über „traditionelle Sportswear“ ausgelöst – und gezeigt, dass Tennis in Sachen Style noch einiges aufzuholen hat.
Das diesjährige Australian Open hat die Tennis-Saison fulminant eröffnet und gleichzeitig eine hitzige Debatte über Mode losgetreten. Als Naomi Osaka zu ihrem ersten Match in Melbourne in einem eigens designten Nike-und-Robert Wun-Collab den Court betrat, wusste sie, dass sie Schlagzeilen schreiben würde. Seit ihrem ersten Aufschlag dominieren die Diskussionen, Debatten und die allgemeine Faszination rund um den Look das Internet.
Ob Mode – und all das Spektakel, das sie mit sich bringt – einen Platz in der vermeintlich braven, korrekten Tenniswelt verdient, beschäftigt viele. Einige haben ein engstirniges Bild davon, was beim Grand Slam als „akzeptable“ Kleidung gilt, während andere Spielern und Spielerinnen gern zugestehen, auf dem Court genauso mit ihrem Stil zu experimentieren wie abseits davon. Auf Threads sagte Osaka: „Es gibt eine bestimmte Gruppe, die über ‚traditionelle‘ Tennis-Outfits spricht und mich wegen meiner Looks als stillos beschimpft. Ich mache das aber nicht für sie – sie werden es nie verstehen, und ich will auch gar nicht, dass sie es tun. Ich mache das für Menschen, die so sind wie ich.“
Auch wenn Osakas Outfit diese neue Diskussion und das frische Interesse an Mode und Tennis ausgelöst zu haben scheint, pflegen beide Welten seit Jahrzehnten eine enge, aber immer wieder angespannte Beziehung. Von Lacostes viraler Tennisrock-Handtasche bis hin zu Marken wie FILA und Ellesses Wurzeln im Sport – Tennis und Mode umkreisen sich permanent, verschmelzen aber nie ganz miteinander.
Osaka gehört seit jeher zu den wenigen Spielerinnen, die Mode konsequent als Kunstform begreifen, die ihr Spiel ergänzt. Ihr von Harajuku inspirierter Nike-x-AMBUSH-Kit bei den U.S. Open 2024 brachte eine verspielte, flirtige, ultrafeminine Note auf den Court. 2025 landete sie in New York City mit einem weiteren Turnier-Look: knallrote Kristallrosen im Haar, dazu passende, verzierte Kopfhörer.
Diese Momente zogen das Publikum in ihren Bann, viele fanden, sie trete damit in die Fußstapfen von Serena und Venus Williams’ als Fashion-Ikonen auf dem Court. Doch traditionelle Fans kritisieren sie prompt: Sie unterstellen ihr, nur Aufmerksamkeit zu suchen, anstatt sich auf den Sport zu konzentrieren. Gewinnt sie nicht jedes Match, schieben sie es lieber auf die Kleidung als auf den Lauf der Dinge.
Abgesehen von den offensichtlichen rassistischen Untertönen, auf die Osaka immer wieder hingewiesen hat, zeigt sich darin auch, wie gering das Interesse des Tennissports an Mode ist – trotz seiner langen Geschichte als Muse einiger der größten Labels und Designer:innen.
Tennis ist zwar eine der stilprägendsten Sportarten der Welt, hat daraus historisch aber kaum Kapital geschlagen. In fast jedem anderen Sport können Fans tragen, was ihre Idole Woche für Woche tragen. Wer sich ein originales Inter-Miami-Trikot holen will, um sich beim nächsten spontanen Soccer-Match wie Lionel Messi zu fühlen, kann das tun. Wenn A’ja Wilson dich jeden Tag neu auf den Court bringt, kannst du ihr Trikot auf diversen Plattformen kaufen. Im Tennis ist es dagegen nahezu unmöglich, die Outfits der Profis aus den Turnieren zu tragen. Man kann Aryna Sabalenkas Kit nur aus der Ferne bewundern – kaufen kann man es so schnell nicht. Zumindest war das lange so.
Offenbar beginnen Marken nun endlich, die Rolle des Tennis als Inspirationsquelle in den immer stärker verwobenen Welten von Sport und Mode ernst zu nehmen.New Balance hat Coco Gauffs Australian-Open-Kit in diesem Jahr erstmals offiziell verkauft – endlich können sich Fans auf ihren heimischen Plätzen wie ihr Idol stylen. Vom Aufwärm-Trainingsanzug über pastellfarbene Sets bis hin zu den Schuhen ist der komplette Gauff-Look im Handel, und die Brand nutzt ihren größten Star als Katalysator für den Verkauf.
Es wirkt naheliegend, die auffälligsten und stylischsten Spieler:innen-Looks auch kaufbar zu machen – doch Tennis war in Sachen Fashion stets ein exklusiver Members-only-Club. Die diesjährigen Australian Open könnten jedoch eine Wende markieren. Wie bei Gauff ist auch Osakas Grand-Slam-Outfit erstmals erhältlich. Trotz Kritiker:innen, die die quallenartigen Rüschen und Faltenhosen als „too much“ und geschmacklos abtaten, ist der Look in fast allen Größen nahezu ausverkauft.
Bis ein Sport Mode wirklich durchgängig – von der Chefetage bis auf die Ränge – umarmt, braucht es Jahre an Arbeit.Basketball ist wohl eines der besten Beispiele für eine Disziplin, die ihre Athlet:innen ausdrücklich dazu ermutigt, sich über Mode und Beauty zu inszenieren – doch das war nicht immer so. Die Sprüche, die sich Osaka, die Williams-Schwestern und zahllose andere Tennisprofis seit Jahren anhören müssen, wurden auch Athlet:innen in anderen Sportarten entgegengeschleudert. Der Unterschied: Mit der Zeit hat der Sport selbst Mode bewusst ins Spiel gebracht – und erkannt, wie viel marktfähiger Spieler:innen, Teams und Ligen werden, wenn diese gemeinsame, globale Sprache mit am Start ist.
Auch wenn es für sie nicht im Pokal endete, könnte Osakas Auftritt bei den Australian Open eine Fashion-Bewegung in einem der konservativsten Sportarten der Welt angestoßen haben. Sie beweist immer wieder, dass Mode keine Ablenkung sein muss – es wird Zeit, dass der gesamte Sport auf ihre Frequenz einschwingt.
Basketball, Soccer und Football sind längst in Vorleistung gegangen, doch damit Tennis aufholt, müssen Brands und Turniere vorangehen. Osaka sorgt bei jedem Grand Slam für verdrehte Köpfe, aber sie muss nicht die Einzige bleiben. Wenn Nike, New Balance, adidas und Co. weiter konsequent um ihre Stars herum designen und für die wichtigsten Turniere des Jahres unvergessliche Looks schaffen, über die global gesprochen wird, könnte die Fashion-Revolution im Tennis endlich richtig abheben.



















