Warum macht deine Lieblingsbrand jetzt plötzlich Sportswear?
2026 ist Fitness soziales Kapital – und jede Brand will ein Stück vom Kuchen.
Aus modischer Perspektive fühlten sich die letzten Jahre ein wenig wie ein Fiebertraum an. Trends, die wir für tot und begraben hielten, sind wieder aus der Versenkung aufgetaucht. Keilsneaker-Sneaker und Military-Jacken stehen wieder auf jeder Wunschliste.Athleisure ist weniger ein Buzzword der 2010er und vielmehr zum heiligen Gral des Stylings 2026 geworden.
Als Lululemon und all seine High-Street-Varianten vor fast zwei Jahrzehnten erstmals massenhaft beliebt wurden, sagten viele Trendforscher:innen schnell voraus, dass Leggings und schweißableitendes Polyester die Zukunft der Damenmode seien. Sie lagen bis zu einem gewissen Grad richtig, doch wirklich auf die Probe gestellt wurde diese Theorie erst in den vergangenen Jahren. Heute tragen Menschen Lululemon und Fabletics inzwischen sogar zum Brunch – ein damals undenkbares Outfit in der Peplum-Rock- und Bandage-Kleid-Ära der 2010er.
Dieser plötzliche Shift hin zu Activewear als Alltagsuniform ist stark von der aktuellen gesellschaftlichen Fitness-Besessenheit geprägt. Nichts gilt derzeit als so chic wie zu einem Pilates-Kurs zu gehen – oder zumindest so auszusehen, als kämest du gerade aus dem Pilates-Kurs.Erewhon-Smoothies, Yoga-Matten und perfekt abgestimmte Work-out-Sets gelten heute als Inbegriff von Geschmack und Klasse. Wenn dann noch jede Influencerin und jeder Influencer verkündet, dass Leggings und Sport-BH alles sind, was man braucht, um diesen Lifestyle zu kopieren, ist es nur logisch, dass Marken nachziehen, um den neu erwachten Hunger ihrer wichtigsten Kundschaft zu stillen.
Vielleicht ist dir aufgefallen, dass Marken, die sonst deine alltäglichen Garderoben-Essentials liefern, vermehrt auf Sportswear setzen. Alle, von Old Navy bis STAUD, bringen sorgfältig kuratierte Sets, Loungewear für nach dem Workout und teilweise sogar Equipment heraus. Einige setzen auf Kollaborationen à la NikeSKIMS oder Wales Bonners umfangreiche Arbeit mit adidas, viele nehmen das Thema jedoch selbst in die Hand.
Die Grenzen zwischen Fashion und Sportswear sind in den letzten Jahren zunehmend verschwommen. Mikrotrends wie Blokecore und Balletcore sind die offensichtlichsten Beispiele dafür, aber adidas, Nike, PUMA und andere bringen still und leise veredelte Sportswear und Lifestyle-Hybride heraus, die so manchem Luxuslabel Konkurrenz machen könnten. Es geht längst nicht mehr nur um Sneaker, sondern um fashion-forward Pieces in limitierten Drops und technisch ausgefeilte Sportswear in Silhouetten, die man auf dem Runway erwarten würde.
In gewisser Weise scheint es für Sportswear-Brands einfacher zu sein, Fashion zu machen als umgekehrt. Es gibt Labels, die genau an dieser Schnittstelle leben, wie Adanola und an action a day. Andere haben Sportswear in ihr Repertoire aufgenommen, wo sie nun neben Trend-Pieces und ihren Signature-Looks existiert.NAMED COLLECTIVE hat kürzlich sein Sportswear-Label Nth ACTIVE gelauncht und bringt damit seine Soft-Grunge-Ästhetik erstmals ins Gym.
Es sind übrigens nicht nur High-Street-Labels, die auf Activewear setzen. Die Obsession mit Pilates und Run Clubs ist bis in die obersten Etagen vorgedrungen – zu Marken wie Balenciaga, Gucci, Jacquemus und Louis Vuitton, die alle im Fitness-Kosmos mitmischen. Über einfache Workout-Sets und Schweißbänder hinaus haben viele Skiwear-Kollektionen und andere sportartspezifische Designs gelauncht und damit eine ganz neue Zielgruppe erschlossen.
Die Frage ist: Vertrauen Menschen einer durchschnittlichen Modemarke wirklich, wenn es um ihre Sportswear geht? Bei Teilen, in denen man wortwörtlich Blut, Schweiß und Tränen lässt, gibt es eine Loyalität, die bei normaler Kleidung so vielleicht nicht existiert. Viele, die regelmäßig trainieren oder Sport treiben, haben eine Brand im Kopf, der sie für all ihre Bedürfnisse bedingungslos vertrauen – sei es Under Armour, Fabletics oder Nike. Wie wahrscheinlich ist es, dass sie für etwas so Simples wie eine Shorts plötzlich zu Old Navy oder NAMED COLLECTIVE wechseln?
Gleichzeitig sind genau diese Hardcore-Sportler:innen wahrscheinlich gar nicht die Zielgruppe, die sich die Marken bei ihrem Sportswear-Ausbau vorgestellt haben. Für viele ist Activewear einfach ein weiterer Look – ein weiterer Trend, den man mitnehmen will, bevor er in ein paar Jahren wieder abebbt. Warum Hunderte Euro für die neueste Technologie von Under Armour ausgeben, wenn die Lieblingsbrand hübschere Leggings, Bras und Jacken zum Bruchteil des Preises verkauft?
Marken produzieren Activewear schneller, als wir hinterherkommen, und auch wenn Nikes und adidas dieser Welt noch die Spitze der Pyramide bilden, könnten dort in ein paar Jahren genauso gut H&M und Weekday stehen. Alles deutet darauf hin, dass Sportswear die Zukunft der Mode ist – und der High Street gerade erst klar wird, wie sehr.



















