Jelly Shoes sind zurück – aber zu welchem Preis?
Der Nostalgie-Hype ist überall – doch warum spricht niemand über den ökologischen Fußabdruck von Jelly Shoes?
Jedes Mal, wenn ein Trend aus den 2010ern zurückkehrt, sind wir offenbar gleichzeitig überrascht, empört und nostalgisch. Wir fragen uns unablässig: Was kommt als Nächstes? Wann genau sollen wir uns auf Galaxy-Leggings und Schnurrbart-Motive einstellen? In der neuesten Runde des Nostalgie-Trips dreht sich jedenfalls alles um Jelly Shoes. Komplett aus Plastik und unfassbar fantastisch hat der ganz im Polly-Pocket-Stil gehaltene Trend die jüngsten RunwayShows erobert und taucht inzwischen in jeder Sommer-Kampagne, während Highstreet-Stores Dupes der verspielten Schuhdesigns anbieten.
Die Ursprünge des Jelly Shoes sind überraschend pragmatisch. Der Style wurde in den 1940er-Jahren von einem französischen Schuhmacher erfunden, aus PVC gefertigt als Nachkriegs-Lösung für Europas Lederknappheit. Günstig in der Herstellung und von Natur aus wasserfest, schafften sie Anfang der 1980er den Sprung über den Atlantik und wurden zum ausgewachsenen Fashion-Phänomen. Anfang der 90er hatte die brasilianische Marke Melissa die schlichte PVC-Sandale in ein begehrtes It-Piece verwandelt und mit Labels wie Jean Paul Gaultier und Karl Lagerfeld, ein Beweis dafür, dass die High-Fashion-Ambitionen des Jelly Shoes alles andere als neu sind. Der Trend flaute ab, tauchte Ende der 2000er in klobiger Cut-out-Form wieder auf und wurde dann stillschweigend unter „Fashion-Fauxpas, über die wir nicht mehr sprechen“ abgeheftet. Bis jetzt.
Tory Burch
Keine Sorge, das Comeback zeigt sich in deutlich raffinierterer Form – mit schmaleren Silhouetten, zarteren Riemchen und höheren Absätzen, die perfekt zu den wichtigsten Shoe-Momenten 2026 passen (man denke an Ballerinas, Flip-Flops und Kitten Heels). So richtig Fahrt nahm es 2025 auf, als The Row seine mittlerweile viralen Net-Flats über den SS25Runway schickte – ein Move, mit dem niemand gerechnet hatte, denn Plastik passt nicht unbedingt in denselben Satz wie Quiet Luxury.Chemena Kamali übernahm anschließend den Staffelstab bei Chloé mit transparenten Riemchensandalen. Plötzlich war der Schuh, der vor ein paar Jahren noch als modische Katastrophe abgestempelt worden wäre, wieder zurückgekehrt in die Rotation der angesagtesten Häuser der Branche.
Spulen wir vor ins Jetzt: Mit steigenden Temperaturen erreicht das Jelly-Shoe-Comeback offiziell den Mainstream. An der Spitze steht einmal mehr Chloé – diesmal mit einer Jelly-Kitten-Heel-Mule, die an einen modernen Cinderella-Glasslipper erinnert. Die verspielte Energie des letztjährigen Revivals wird fortgeführt, und der polarisierende Style (der schon jetzt viele wegen möglicher Blasen beunruhigt) hat sich trotzdem den Titel „Shoe of the Summer“ gesichert und war im Nu ausverkauft.Andernorts setzte LOEWE auf eine konzeptionellere Interpretation mit doppellagigen, transparenten Booties inklusive farbiger Innensocke. Anstatt nackte Füße zu inszenieren, zeigte das Design, dass der Trend auch für alle funktioniert, die ihre Zehen lieber noch bedeckt halten.
Melissa x GANNI
Von dort aus setzte die Jelly-Welle ihren Lauf fort mit den Jelly-Bootsschuhen von Monse und Sperry, den netzartigen Ballerinas von Tory Burch und Melissa, der unangefochtenen Jelly-Instanz, die das Segment weiterhin dominiert.Frisch aus Kollaborationen mit Susan Fang und GANNI, setzt Melissa jetzt auf Flip-Flops mit Absatz und futuristische Silhouetten, die deinen Feed den ganzen Sommer über fluten werden.
Hier wird es kompliziert. Alle reden über den Trend, aber kaum jemand über die Folgen. Jelly Shoes bestehen aus PVC, einem der problematischsten Kunststoffe überhaupt. Neben dem Einsatz giftiger Chemikalien gilt das Material als äußerst schwer recycelbar, und am Ende seines Lebenszyklus landet dein Paar mit ziemlicher Sicherheit für die nächsten paar Hundert Jahre auf der Mülldeponie.
Während sich die Nachhaltigkeitsdebatte in der Mode weiterentwickelt hat, kommt das Jelly-Shoe-Revival mit einer gewissen kognitiven Dissonanz daher.Wir kaufen uns in einen Trend ein, der im Kern ein Einweg-Plastikprodukt ist – oft günstig geshoppt, eine Saison getragen und dann entsorgt.
LOEWE
Dennoch gehen einige Marken bewusster mit dem Thema um als andere. Melissa fertigt seine Schuhe aus recycelbarem Plastik und betreibt ein Rücknahmeprogramm, bei dem Kund:innen getragene Paare zurückgeben können – ein Schritt in die richtige Richtung, auch wenn der Rest der Branche bei ihren Jelly-Angeboten nicht unbedingt nachzieht.Der nachhaltigste Weg ist – wie immer –, weniger und dafür besser zu kaufen. Ein hochwertiges Paar von einer Marke mit echten Recycling-Credentials überdauert und überstrahlt jeden billigen Highstreet-„Dupe“, der bis August Risse bekommt.
Was sich einst völlig outdated anfühlte, beweist jetzt offiziell Durchhaltevermögen. Mit frischen Interpretationen von Peep-Toe-Mules über Kitten Heels und Booties bis hin zu kaum sichtbaren Sandalen hat der Jelly Shoe sein kindliches Image abgelegt und wirkt heute deutlich erwachsener. Das ist längst nicht mehr nur Spielplatz-Nostalgie, sondern die neueste erwachsene Obsession der Mode, die selbst in die am sorgfältigsten kuratierten Garderoben mühelos einzieht. Doch während wir diesen Sommer in unsere transparenten Schuhe schlüpfen, lohnt sich ein kurzer Moment des Innehaltens: Worin investieren wir hier eigentlich? In ein Material mit komplexer Vergangenheit und komplizierter Zukunft. Der Jelly Shoe ist zurück – achte nur darauf, dass das Paar, für das du dich entscheidest, das Plastik wert ist, aus dem es besteht.



















