Brauchen wir 2026 noch getrennte Fashion Weeks für Männer und Frauen?
Co-ed-Laufstege, schrumpfende Budgets und der Nachhaltigkeitsdruck setzen dem getrennten Modekalender ein Ablaufdatum.
Jeden Februar und jeden September packt die Modebranche ihre Koffer für New York, London, Mailand und Paris, nur um das Ganze ein paar Monate später für die Menswear-Schauen noch einmal zu wiederholen. Der Rhythmus ist so fest etabliert, dass ihn kaum noch jemand infrage stellt. Doch je mehr Marken auf dem Laufsteg die Grenze zwischen Womenswear und Menswear verwischen und je deutlicher die ökologische Belastung eines immer weiter aufgeblähten Showkalenders wird, desto dringlicher stellt sich die Frage: Brauchen wir überhaupt noch getrennte Fashion Weeks für Männer und Frauen?
Die Belege dafür, dass die Branche sich längst in diese Richtung bewegt, liegen auf der Hand. Jacquemus zeigt seit Langem Männer und Frauen gemeinsam in einer einzigen Präsentation. Willy Chavarrias Shows kombinieren maskulin konnotiertes Tailoring mit Kleidern und Röcken auf demselben Laufsteg – eine Einteilung der Models nach Geschlecht findet bewusst nicht statt. Maison Mihara Yasuhiro und AMI schlagen ähnliche Wege ein und verstehen die „Kollektion“ als maßgebliche Einheit – nicht „Menswear“ oder „Womenswear“.
Dann ist da noch die Designsprache selbst. Dries Van Notens SS27 Show war eine Meisterklasse in Sachen Farbe, fließende Texturen und eine neu gedachte Feminität für Männer. Seitdem er 2024 die Rolle des Creative Director des Hauses übernommen hat, Julian Klausners frühere Arbeit in der Womenswear-Abteilung sich als großer Vorteil erwiesen. Während viele Menswear-Designer weiterhin auf weichere, feinere Silhouetten setzen, schöpfte diese Kollektion aus dem Vollen – mit Referenzen, die von Lingerie und rückenfreien Neckholder-Tops bis hin zu Ballettschuhen reichten. Es war eine betörende Demonstration, wie eine Kollektion mühelos über Geschlechtergrenzen hinausgehen und alle Modefans ansprechen kann – unabhängig von ihrer Orientierung.
Anderswo in dieser Saison Simone Rochas Einstieg in die Menswear ihr ikonisches romantisches Vokabular – man denke an Rüschen, Pailletten, Perlenapplikationen – auf männliche Models aus und inszenierte den Mann als das, was man das „Gegenstück“ zur Simone-Rocha-Woman nennen könnte, nicht als völlig eigene Zielgruppe. Das wirkt nicht wie ein Gimmick, sondern wie Designer:innen, die eine einzige kreative Vision über unterschiedliche Körper hinweg weiterschreiben, statt zwei getrennte zu konstruieren.
Selbst die London Fashion Week hat sich still und leise um diese Verschiebung herum neu aufgestellt. Der British Fashion Council strich 2025 seine eigenständige Menswear-Ausgabe im Juni und integrierte die Herrenschauen in den gemischten Februar- und September-Kalender. Das ist keine Entscheidung einer einzelnen Marke, sondern einer ganzen Modehauptstadt, die beschließt, dass sich ein geteilter Kalender schlicht nicht mehr lohnt.
Das Argument gegen zusätzliche überflüssige Fashion Weeks ist allerdings älter als die Gender-Debatte. Kritiker:innen monieren seit Jahren, dass das aktuelle Modell aus vier Städten, zweimal im Jahr, plus eigenen Menswear-Wochen im Januar und Juni in Mailand und Paris Redakteur:innen, Einkäufer:innen und Kreative dazu zwingt, rund achtmal jährlich um die Welt zu jetten – für Kollektionen, die erst ein halbes Jahr später in die Stores kommen. Rechnet man Couture-, Resort- und Pre-Fall-Präsentationen hinzu, wächst der ökologische Fußabdruck des Reisens noch einmal deutlich. Für eine Branche, die ununterbrochen über Nachhaltigkeit spricht, ist dieser Widerspruch schwer zu verteidigen.
Die Zusammenlegung von Men’s- und Women’s-Kalendern würde Überkonsum nicht allein lösen, aber sie würde reale Reisen, echte Location-Kosten und doppelte Aufwände – für Städte, Häuser und all jene, die überall dabei sein sollen – spürbar reduzieren.
Natürlich gibt es das Argument für getrennte Wochen weiterhin. Die Menswear-Week, so abgespeckt und dünn besetzt sie im Vergleich zu den Womenswear-Schauen wirken mag, verschafft kleineren oder aufstrebenden Labels immer noch ein eigenes Schaufenster, das im großen Women’s-Kalender schlicht untergehen könnte. Hinzu kommt eine kommerzielle Logik, auf die manche Marken setzen: separate Einkaufssaisons, unterschiedliche Zielgruppen, eigene Retail-Kalender, die Co-ed-Shows aus Produktionssicht verkomplizieren können. Und viele Designer:innen – darunter große Namen, die noch nicht auf Co-ed umgestellt haben wie Prada, Dior und Saint Laurent, betrachten Menswear und Womenswear weiterhin als wirklich unterschiedliche gestalterische Aufgaben – nicht bloß als dieselbe Idee, zweimal gezeigt.
Es gibt zudem einen durchaus berechtigten Einwand gegen das Gender-Fluidity-Narrativ selbst: Wenn Designer Männer in weiche, feminin codierte Looks stecken und Frauen in übergroße Anzüge, heißt das nicht automatisch, dass Geschlecht keine Rolle mehr spielt. Genauso gut lässt sich das als gezielte Provokation lesen, die davon lebt, dass diese Kategorien weiterhin existieren, um überhaupt Wirkung zu entfalten.
Vielleicht ist die entscheidendere Frage gar nicht Men’s vs Women’s, sondern: Wie viele Fashion Weeks braucht die Welt überhaupt? Die Geschlechtertrennung dürfte dabei am leichtesten zu streichen sein – gerade weil so viele der derzeit spannendsten Designer:innen der Branche sie längst nicht mehr als relevant betrachten. Ob die Fashion Councils der Big Four dem Londoner Beispiel folgen oder ob Tradition, kommerzielle Gewohnheit und Markennostalgie den geteilten Kalender noch eine Weile am Leben halten, wird sich in den kommenden Saisons zeigen.



















