Unsere Lieblingsdesigner aus Hongkong von der CENTRESTAGE, Asiens jährlicher Fashion-Schau
Von Kollektionen, inspiriert von Hongkongs Horrorfilmen der 80er, bis zu grellen Statementfarben: Diese lokalen Designer gehen uns noch immer nicht aus dem Kopf.
CENTRESTAGE ist im Grunde Hongkongs Antwort auf die Fashion Week – nur auf volle Lautstärke gedreht. Wie die neonbeleuchtete vertikale Stadt selbst ist auch dieses viertägige Mode-Spektakel herrlich reizüberflutend: Unter einem riesigen Dach vereint es Runway-Shows, Fashion Talks und eine weitläufige Fachmesse. Veranstaltet vom Hong Kong Trade Development Council (HKTDC), brachte die diesjährige elfte Ausgabe, die vom 2. bis 5. September im Hong Kong Convention and Exhibition Centre stattfand, rund 270 Marken aus 24 Ländern und Regionen zusammen.
Doch wir waren wegen der Shows dort. Im Wasser Hongkongs muss etwas Besonderes stecken, denn unsere Lieblingskollektionen stammten allesamt von lokalen Talenten. CENTRESTAGE ELITES, die glamouröse Opening-Night-Show für einen großen Designer, zog in den vergangenen Jahren einige echte Modestars an – darunter den in Hongkong geborenen Avantgarde-Superstar Robert Wun und die in Peking geborene Couture-Königin Guo Pei, die Rihanna bei der Met Gala 2015 bekanntermaßen in jenes riesige gelbe Kleid hüllte.
Das herrlich verrückte, sexy-coole Label aus Hongkong Kit Wan Studios eröffnete in diesem Jahr mit einem kaleidoskopischen, kosmischen Paukenschlag. Am folgenden Abend vereinte die Gruppen-Runway-Show „Fashion Hong Kong“ 112 mountainyam, Z I D I, ARTY: ACTIVE und ANGUS TSUI – jeder der lokalen Designer interpretierte das Motto „Hong Kong Dopamine“ auf ganz eigene, radikal unterschiedliche Weise. Von grellen Farben und surrealen Silhouetten über regelrechte Workout-Einlagen auf dem Laufsteg bis hin zu blutrotem Horror lieferten die Designer der Stadt reichlich Stoff, über den man weiter nachdenken möchte.
Kit Wan Studios
Was von einer Kollektion zu erwarten ist, verrät oft schon die erste Reihe – noch bevor die Show beginnt. Bei Kit Wan Studios war sie ein unübersehbarer Hinweis: Neben festen Größen der internationalen Modewelt wie Irene Kim und Susie Bubble drängten sich Hongkonger Prominente und Influencer auf den Plätzen, die meisten in Wans eigenen säurehellen Prints und markanten Designs. Unter der Leitung des in Hongkong geborenen Kreativdirektors Kit Wan, der eine ausgeprägte Vorliebe für Science-Fiction, Anime und futuristische Bühnenrüstungen hat, ist das Label zur ersten Adresse für Cantopop-Stars geworden, die es auf der Bühne etwas extravaganter mögen – ohne dabei auf Glamour zu verzichten.
In den vergangenen Jahren hat Wans Einfluss weit über Hongkong hinausgereicht: Teddy Swims trug einen seiner Looks zu den Grammys 2025, und Alan Cumming trug in einer Folge von The Traitors ein so spektakuläres Stück, dass Lisa Rinna mit einem nachdrücklichen „ohhhh JAAAA“ reagierte.
Für Frühjahr/Sommer 2027 präsentierte Wan mit seiner dreiteiligen Kollektion „MUTANT // MYTHOLOGY“ mehr als 30 neue Looks. Zu sehen waren latexartige Kapuzen in Kaugummirosa, Cyberpunk-inspirierte Pieces, die wie Weihnachtsbäume leuchteten, und ein Doja-Cat-taugliches Outfit, das an einen stacheligen, knallpinken und orangefarbenen High-Fashion-Seeigel erinnerte. Auch red-carpet-taugliche Showstopper waren dabei: Das belgische Supermodel Anouck Lepère stürmte in einem psychedelischen Ring mit Galaxie-Print, der ihre Hüften umkreiste, sowie einem an eine fliegende Untertasse erinnernden Hut über den Laufsteg – ganz im Stil von Das fünfte Element.
Das Hongkonger Model Christina Chung, die Anfang dieses Jahres mit einem Chanel-Couture-Auftritt im Alter von fast 60 für Aufsehen sorgte, ging ebenfalls intergalaktisch: Ihr Look mit säurefarbenem Print explodierte förmlich in großen weißen, kristallartigen Formen, als wären Sternschnuppen plötzlich tragbar geworden. Zum Finale lief ein düsteres, tiefer gepitchtes Cover von ABBAs „Dancing Queen“, das die hypnotische Schönheit der Show noch unterstrich. Kurz gesagt: Sollte die Met Gala jemals ein Motto wie Sci-Fi-Chic oder „Alien Superstar“ ausrufen, sollten alle Kit Wan Studios tragen.
112 mountainyam
Nach der außer Rand und Band geratenen Gartenparty des vergangenen Jahres tauschte 112 mountainyam Grünzeug gegen eine Neon-Überdosis. Die SS27-Kollektion „The Joy of Feathers“ spielte mit wendbaren Designs, die zwischen natürlichen Stoffen und robusteren technischen Textilien wechselten, doch vor allem sprach die Farbe. Knallpink, Verkehrskegel-Orange, Textmarkergrün und klares Weiß zogen über den Laufsteg, während sich hinter den Models ein prismatischer Wirbel drehte. Besonders herausragend: eine leuchtend pinke Jacke über kaskadenartig fallenden Teilen in Orange und Fuchsia, abgerundet durch rosagetönte Sonnenbrillen. Das Ergebnis lag irgendwo zwischen Tages-Rave und einem tragbaren Zuckerrausch. Ein echter Dopaminkick.
𝗭 𝗜 𝗗 𝗜
Z I D I zeigte sich mit der Kollektion „AETHER“ ganz bewusst schrullig und erforschte Schwerelosigkeit mit Kleidung, die der Schwerkraft selbst zu trotzen scheint. Designer Nathan Moy bezog sich auf alles Mögliche – vom horizontalen Reifrock einer Ballerina über Marilyn Monroes ikonisches, vom Wind verwehtes U-Bahn-Kleid bis zum steifen khakifarbenen Rock einer Schülerin – und formte daraus skulpturale Silhouetten, die wie mitten in der Bewegung erstarrt wirkten. Auf dem Laufsteg trafen federleichte Strickteile, transparente Spitze, wogende schwarz-weiße Rüschen und feste, skulpturale Formen auf Handtaschen in Bonbonfarben. Die eigentlichen Stars aber waren die Perücken: hoch aufgetürmte Kreationen mit Lockenwickler-Look, irgendwo zwischen Marie Antoinette und dem Marsmädchen mit Bouffantfrisur aus Mars Attacks!
ARTY:ACTIVE
ARTY:ACTIVE verlegte „Hong Kong Dopamine“ direkt ins Fitnessstudio. Für seine SS27-Kollektion „Messy Symphonic“ ließ sich der Designer, Illustrator und ehemalige Wettkampf-Mountainbiker Gary Tsang vom nächtlichen Hongkong inspirieren. Entstanden ist eine Linie aus Radlerhosen, technischen Jacken, Bauchtaschen, intensiv leuchtenden digitalen Grafiken und klobigen Sneakern. Models mit neonfarbenem Club-Kid-Augen-Make-up unterbrachen ihren Lauf über den Catwalk, um mit Kettlebells und Medizinbällen zu trainieren. Die Stimmung? Sporty Spice auf einem Rave nach Feierabend.
ANGUS TSUI
Inzwischen würde uns eine ANGUS-TSUI-Show ohne etwas leicht Unheimliches oder Apokalyptisches ehrlich gesagt beunruhigen. Seine SS27-Kollektion „404: Ha Ha Haunting“ tauschte die Weltraum-Albträume des vergangenen Jahres gegen Horror aus der Heimat und griff dafür auf Hongkonger Kult-Horrorfilme der 1980er zurück. Auf dem riesigen Screen hinter dem Laufsteg erstreckte sich ein scheinbar endloser, blutroter Korridor voller leuchtender EXIT-Schilder und schuf die unheimliche Kulisse. Die Models erschienen mit Wet-Look-Haaren, rot-schwarzem Augen-Make-up wie blaue Flecken, glänzenden Korsagen in Ochsenblutrot, entblößten Oberkörpern sowie so vielen Riemen und Schnallen, dass das Ganze deutlich nach Bondage-Kerker aussah.
Ein besonders wilder Look zeigte eine handmodellierte, mutierte rote Spinnenlilie, die sich über Oberkörper und Kopf des Models ausbreitete – als hätte ein Demogorgon eine Vorliebe für Couture entwickelt. Dazu kamen winzige Shorts mit Schnallen und Exoskeleton Xeno Boots, die bis über die Oberschenkel reichten. Unheimlich, sexy und absolut fesselnd. Popstars, die modisch für Aufsehen sorgen wollen, sollten sich das merken.



















