The Body Issue: Kommerz und Haltung

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Fashion in Motion, Sinéad O'Dwyer, 24th July 2026
Sinead O'Dwyer

Die Modebranche betont, wie wichtig ihr Inklusion und Repräsentation sind – doch die Daten zeichnen ein anderes Bild: Beides befindet sich auf einem historischen Tiefstand. Auf große Größen spezialisierte Labels wie Chromat haben geschlossen, Designerinnen wie Karoline Vitto können es sich nicht mehr leisten, größere Größen anzubieten, und laut dem aktuellen Bericht von Vogue Business zur Größeninklusion waren 97,6 % der Laufsteg-Looks für Frühjahr/Sommer 2026 in Standardgrößen.

Im Gespräch mit Expertinnen wie Vitto, der Casting-Direktorin Chloe Rosolek und der Kritikerin Kim Russell wird ein roter Faden deutlich: 2018 war Inklusion noch ein großes Buzzword – doch zwischen 2022 und 2023 hat sich etwas verändert.

„Ich habe einen Wandel gespürt. Beim Casting insgesamt hatten viele Models in der Branche stark abgenommen“, erinnert sich Vitto. Rosolek ergänzt: „Ich glaube, der Aufstieg von GLP-1-Medikamenten hat offengelegt, wie performativ dieser Fortschritt in Wahrheit war.“ Damit deutet sie an: Mode setzte auf Inklusion – bis sie merkte, dass sie es nicht musste.

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Es liegt nahe, all diese Veränderungen einfach dem aktuellen Zyklus der Schlankheitsästhetik zuzuschreiben. Doch dahinter steckt eine tiefere wirtschaftliche Realität. Die Luxusbranche schwächelt, weltweit herrscht Rezession – und letztlich suchen wir alle nach Wegen, Geld zu verdienen und, noch wichtiger, es zu behalten.

Vitto, die als Designerin ihre Kosten im Blick behalten muss, bringt es auf den Punkt: „Das ist ein Geschäft, und manche Menschen leben von diesem Geschäft. Wir müssen darauf reagieren, was Kundinnen und Kunden kaufen und wo sie gerade stehen.“ Früher bot ihre Marke eine breitere Größenauswahl an, doch weil sich die Körpergrößen der Kundschaft verändert haben und GLP-1-Präparate immer beliebter werden, „[she] wurde die Produktion eingestellt, weil [she] man sich die Kosten schlicht nicht mehr leisten konnte.“

Kostengetriebene Entscheidungen betreffen nicht nur den Einkauf, sondern zeigen sich auch bei einem der wichtigsten Termine des Jahres: der Fashion Week. Laut Vitto gilt: „Die kostengünstigste und am besten handhabbare Art, eine Show umzusetzen, ist, alles in derselben Größe anzufertigen. Das ist der wahre Grund, warum Modenschauen nicht inklusiv sind. Es liegt nicht unbedingt daran, dass Marken keine Vielfalt wollen … Es ist eine Kostenfrage.“

Wenn die Modebranche größere Größen also weder auf dem Laufsteg zeigt noch produziert – wie sollen wir sie dann überhaupt zu sehen bekommen?

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Sichtbarkeit ist ein entscheidender Teil kommerzieller und redaktioneller Repräsentation – und für die Stylistin Jeannie Annan-Lewin beginnt genau dort das Problem. „Die Vision kann ambitioniert sein, aber wenn die Kleidung nicht in den passenden Größen existiert, sind der Kreativität sofort Grenzen gesetzt“, sagt sie.

Selbst wenn die Kleidung verfügbar ist, wird es komplexer, sobald Styling und Intention ins Spiel kommen. Körper und Kleidung werden dann durch die Perspektive von Fotograf:in, Creative Director und Stylist:in betrachtet – und alle haben womöglich unterschiedliche Vorstellungen davon, wie etwas oder jemand präsentiert werden sollte. „Körper mit mehr Volumen werden oft so gestylt und fotografiert, dass sie kleiner wirken: in übergroßem Tailoring, mit verschlossenen Posen, verschränkten Armen oder Silhouetten, die Formen eher glätten als feiern“, ergänzt Annan-Lewin.

Und wenn Inklusion doch einmal berücksichtigt wird: Woran erkennen wir, ob sie echt ist? Laut den Ergebnissen unserer Umfrage unter dem Publikum halten 78 % den Einsatz der Modebranche für Körperinklusion überwiegend oder fast vollständig für eine Marketingstrategie. Unsere Recherche legt zudem nahe, dass Männer achtmal häufiger als Frauen daran glauben, dass es ernst gemeint ist – ein Befund, den man ernst nehmen sollte, denn die Mehrheit der Creative Directors im Luxussegment sind Männer.

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Doch es gibt auch Gegenmittel gegen diese Herausforderungen – und Veränderungen, die Anlass zur Freude geben. Die wachsende Beliebtheit inklusiver Fashion Weeks wie in Kopenhagen, unabhängige Modekritiker:innen, die gegenüber großen Publikationen an Einfluss gewinnen, und die zunehmenden Debatten über den Einfluss von Designerinnen sind dafür klare Belege.

Neben Vitto ebnen neue Namen der Branche den Weg und setzen sich für nachhaltige Repräsentation ein. Rosolek nennt unter anderem Ellie Misner und Sinéad O’Dwyer als einige der wenigen, die „beständig zeigen, wie authentische Inklusion aussehen kann“.

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Abseits von Marken und Designer:innen entsteht ein Teil der wirkungsvollsten Arbeit gänzlich fernab des Laufstegs. Creator:innen im Plus-Size-Bereich und ihre Communities haben eine eigene Informationsökonomie rund um Passform und Verarbeitung aufgebaut. Sie testen Passformen ehrlich und bewerten Kleidung so, wie Modefans es verdienen. Vitto sieht diese Online-Content-Creator als wirksames Instrument für echte Veränderung: „Auf TikTok gibt es viele alltägliche Creator:innen, die das Wiederaufleben dessen vorantreiben, was wir 2016/17 hatten.“

Mit Blick auf die Zukunft bringt Annan-Lewin es am besten auf den Punkt: „Das eigentliche Ziel ist ein Zeitpunkt, an dem [body representation] Inklusion so selbstverständlich verankert ist, dass sie nicht mehr hervorgehoben werden muss.“ Wirkliche Veränderung wird letztlich nicht von einem einzelnen Teil der Branche ausgehen: Sie erfordert gemeinsames Handeln in allen Disziplinen – von uns allen.

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