The Body Issue: Proportion und Wahrnehmung
Hypebaes The Body Issue untersucht, wie unser Verständnis von Stil noch immer bestimmt, wer als fashionable wahrgenommen wird – und was das heute für Body Inclusivity bedeutet.
Unsere Wahrnehmung von Körperrepräsentation hat sich verändert – aber nicht unbedingt zum Besseren. In ihren Anfängen stand Plus-Size-Repräsentation für die zunehmende Sichtbarkeit größerer Körper in der Mode. Heute werden unterschiedliche Proportionen gefeiert, wenn sie künstlich erzeugt sind und sich überwiegend an schlanken Körpern zeigen. Diese Ergänzungen – gepolsterte Hüften, verbreiterte Schultern, Brustprothesen – ziehen meist Aufmerksamkeit auf sich. Ein Körper, der dieselbe Form ganz ohne Polsterung oder Prothese mitbringt, hingegen nicht.
Wir haben unsere Leser:innen gefragt, wie ein „fashionabler Körper“ heute aussieht. Ihre Antworten verraten viel darüber, wie weit Körperrepräsentation tatsächlich geht …
96 % unserer Leser:innen glauben, dass ein und dasselbe Outfit je nach Körper, der es trägt, unterschiedlich wahrgenommen wird. Diese Überzeugung ist so tief in uns verankert, dass Creators ganze Content-Reihen dazu entwickelt haben und fragen: „Ist das Outfit wirklich gut – oder sind sie einfach nur skinny?“
2022 machte die Redakteurin Aiyana N. Ishmael ein Format populär, das Celebrity-Styles daraufhin analysiert, ob sie plus-size-tauglich sind. Damit wurde deutlich, wie oft wir schlankere Körper – und die Outfits, die sie tragen – unkritisch als Maßstab nehmen. Ähnlich ging Vitor Arruda 2025 vor, als er den ersten Beitrag seiner Reihe „Ist das ein Fit, oder sind sie einfach nur dünn?“ postete. Daraufhin griffen zahlreiche Creators und Kritiker:innen dasselbe Konzept auf.
Beide Reihen haben deutlich gemacht, dass wir als Gesellschaft oft vergessen zu hinterfragen, ob etwas tatsächlich stilvoll ist – oder ob es schlicht Kriterien erfüllt, die wir als akzeptabel oder attraktiv empfinden.
Auf den ersten Blick sehen wir ein Kleidungsstück an einem schlankeren Körper und halten es für modisch. Dieselben Worte kommen uns beim gleichen Outfit an einem größeren Körper oft nicht in den Sinn. 67 % der Befragten sagen, dass ein Outfit sich je nach Körper, der es trägt, verändert – unabhängig von seinem Stil.
Karoline Vitto glaubt, dass sich diese Denkweise über die Körpergröße hinaus auch auf Proportionen erstreckt, insbesondere auf vollere Brüste. „Es gibt die Vorstellung, dass man mit einer kleineren Brust ohne BH ausgehen und dabei richtig cool, chic und französisch aussehen kann“, sagt sie uns – und deutet an, dass sich die Alternative eher gegenteilig anfühlt. Auf den Laufstegen wurde diese Vorstellung oft bestärkt, vor allem in den 90ern und frühen 2000ern – einer Ära, zu der die Mode immer wieder zurückzukehren scheint.
Die wenigen Male, in denen Proportionen auf dem Laufsteg hinterfragt wurden, geschah das meist über Extreme. Die Präsentation von Duran Lantinks FW25-Kollektion endete damit, dass der Designer ein Paar großer Brustprothesen über den Laufsteg schickte. Einige lobten, dass damit eine vollere Brust auf dem Laufsteg zu sehen war. Andere wiesen darauf hin, dass größere Brüste von Frauen so zur Pointe gemacht würden – und sich damit kaum etwas an der Wahrnehmung ändere, sie seien weniger chic als ihre schlankeren Pendants.
Neben Lantinks Brustprothesen zeichnete sich ein ähnliches Muster bei Frauenhüften ab: Auch sie erscheinen auf dem Laufsteg häufig als künstliche Ergänzung zum Körper eines schlankeren Models und dienen dem dramatischen Effekt. Beispiele von Lantink, Kiko Kostadinov, Marine Serre, Alaia und anderen bestärken den Eindruck, dass größere Körperpartien in der Mode nur als unnatürliche Ergänzung, als Extreme oder Gesprächsanlass gezeigt werden können.
2025 brachte Kim Kardashians SKIMS parallel „The Ultimate Hip“ auf den Markt: ein Shapewear-Teil mit gepolsterten Hüften, das seinen Träger:innen eine „Lösung mit mittlerer Kompression“ verspricht und eine glatte, die Hüften betonende Silhouette schafft. Im Fokus bleiben künstlich erzeugte Proportionen; natürlich breitere Hüften werden dadurch kaum stärker einbezogen. In der öffentlichen Debatte gelten künstlich erzeugte Kurven als Gewinn für mehr Inklusivität. Tatsächlich handelt es sich aber nur um einen anderen, schwerer erreichbaren Standard, der sich deren Sprache bedient.
Diese betonten Körperpartien stehen im Kontrast zur Rückkehr von „Heroin Chic“ und dem Aufstieg von GLP-1-Medikamenten, doch beidem liegt dasselbe zugrunde: das Bedürfnis nach Extremen. Die anhaltende Verherrlichung des einen wie des anderen lässt midsize Körper verschwinden und führt dazu, dass Körperinklusion zur bloßen Alibihandlung wird.
Auf die Frage, wie ein „fashionabler Körper“ heute aussieht, enthielten 71 % unserer Antworten die Wörter „trainiert“, „schlank“ und „symmetrisch“. Nur eine:r von 60 Hypebae-Leser:innen sah vollere Silhouetten als aktuelles Ideal der Mode; rund jede:r Zweite – bei Männern wie bei Frauen – entschied sich dagegen für „sehr schlank“. Trotz jahrelanger Bemühungen um mehr Inklusivität in der Mode messen wir unsere grundlegende Vorstellung davon, was fashionable ist, noch immer an überholten Kriterien wie Körperfettanteil und ästhetischen Idealen.
Unsere Hoffnung für die Zukunft ist, dass Designer:innen ihre gegenwärtige Wahrnehmung von Proportionen weiter hinterfragen und weiterentwickeln. In mancher Hinsicht sind wir bereits auf dem Weg dorthin. Die Ausstellung der Met Gala 2026 zeigte größeninklusive Schaufensterpuppen von Andrew Bolton, die in Zusammenarbeit mit Michaela Stark entstanden. Die Künstlerin betrachtet Repräsentation realistisch, statt sich daran zu orientieren, was schmeichelhaft wirkt. Zu sehen waren außerdem Namen wie Karoline Vitto, Sinead O’Dwyer und Ester Manas – allesamt Menschen, die sich seit Langem für echten Wandel einsetzen.
Wenn das der aktuelle Stand der Wahrnehmung von Plus Size ist, dann ist Rebellion hoffentlich der nächste Schritt: weg von dem, was schmeichelhaft und modisch sein soll, hin zu dem, was real ist und wirklich repräsentiert.
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