Grimes ist „All Too Human“
Die Musikerin und Produzentin spricht offen über ihre Vocaloid-Kollaboration, ihre Reue über Poptimismus und den Unterschied zwischen Kunst und Kunstmaschinen.
Grimes ist in jeder Szene, die sie berührt, eine katalytische Kraft: Musikerin, Provokateurin, Produzentin, Techno-Utopistin und gelegentliche Häretikerin jener Popkultur, die ihre frühe Karriere geprägt hat. Grimes zu kennen – parasozial oder auf andere Weise – heißt, ihre besondere Fähigkeit zu verstehen, mit Technologie in genau dem Maß zu experimentieren, in dem sie sie kritisiert.
Grimes’ musikalische Auszeichnungen sind nur ein Teil ihrer Geschichte. Bemerkenswert ist vor allem ihr Gespür für Identität und Autorschaft im digitalen Zeitalter. Technologie macht ihr keine Angst. Sie will in ihre Abgründe eintauchen, sich ihrem Chaos stellen und herausfinden, wo Verantwortung und Handlungsmacht noch zu finden sind.
Beispiele dafür lassen sich in ihrem Werdegang endlos weiterscrollen.
Über ihr Projekt Elf.Tech hat sie ihre eigene Stimme zur Nutzung durch andere lizenziert – als ökonomisches Experiment statt als Bedrohung, gegen die man juristisch vorgehen muss. Ihre Gedanken über Maschinen – darunter ein kommender Dokumentarfilm über Maschinenbewusstsein mit dem Titel First Contact – teilt sie mit einer Zärtlichkeit, die sonst engen Freund:innen vorbehalten ist.
Mit genau dieser Zärtlichkeit und rastlosen Neugier stellt sie nun ihr jüngstes Projekt vor, eine Zusammenarbeit mit der virtuellen Performerin Hatsune Miku. Gemeinsam mit dem japanischen Vocaloid-Produzenten SatapanP hat sie die neue Single „Miku-Maxxing“ veröffentlicht, die auf Hatsune Mikus Stimme basiert.
Hatsune Miku begann als Gesangssoftware von Crypton Future Media, mit der jede:r Liedtexte und Melodien eingeben konnte, um einen Computer singen zu lassen. Die Fans griffen das auf und fluteten das Internet mit eigenen Tracks – Miku entwickelte sich rasch zu einem Kulturphänomen mit weltweiter Fangemeinde.
Begleitet wird das Debüt von einem Musikvideo, das die Zuschauer:innen in eine chaotische digitale Welt namens Cyberland entführt. Darin bewegt sich eine einsame Protagonistin an der Seite von Hatsune Miku durch eine zerfallende virtuelle Umgebung. Visuell verbindet der Clip pixelige Low-Poly-Grafiken mit texturierten Animationen und Mixed-Media-Design.
Als erste Single der kommenden Compilation EMERGE MODE MIKU markiert das Projekt zugleich den Start von Dwangos Programm BEYOND BORDERS – einer Initiative, die japanische Vocaloid-Creator mit Produzent:innen und Sänger:innen aus den USA zusammenbringt.
Das gesamte Projekt EMERGE MODE MIKU versammelt ein breites Spektrum musikalischer Talente. Neben Grimes und SatapanP sind auch Odetari, George Clanton, Frost Children, slayr, XAMIYA, jon-YAKITORY und picco vertreten. „Miku-Maxxing“ ist ab sofort im Stream verfügbar; weitere Singles erscheinen, bevor die vollständige EP im September veröffentlicht wird.
Lesen Sie weiter: Grimes spricht darüber, wie es ist, mit einem Avatar Musik zu machen, und was Authentizität im heutigen Internetzeitalter bedeutet.
Wie hat es sich angefühlt, als du zum ersten Mal deine Stimme neben Mikus auf demselben Track gehört hast?
Ihre Stimme ist schöner als meine *weint.*
Miku altert nicht, wird nicht müde und hat keinen Körper, den sie schützen muss. Was hat dir die Zusammenarbeit mit so etwas über die Grenzen deines eigenen Körpers beigebracht?
Das Gespenst des Todes verfolgt mich.
Du hast schon öfter darüber gesprochen, dass du in deiner Kunst aufgehen und hinter dem Konzept verschwinden möchtest. Wie bringt dich ein Projekt wie dieses diesem Ziel näher?
Ich fühle mich viel zu menschlich. Viel zu sterblich. Wenn ich Miku und mich selbst betrachte: Vielleicht habe ich Vitalität, aber um welchen Preis? Was bin ich anderes als Fleisch?
Wenn Miku Fans hat, die eine echte emotionale Bindung zu einer Figur empfinden, was sagt dir das darüber, was Menschen sich von Künstler:innen wünschen?
Ich glaube, Menschen wollen Kunst, die ehrlich ist. Mit digitalen Figuren ist das nur sehr schwer zu erreichen. Nicht allein das Ergebnis zählt, sondern auch die Zeit, die Miku mit uns verbracht hat – sie macht Miku wertvoller als viele digitale Avatare. Sie ist zutiefst futuristisch, aber irgendwie auch schon alt.
Du hast verschiedene Phasen der Internetkultur erlebt, die immer wieder neu definiert haben, was „authentisch“ bedeutet. Wie fügt sich dieses Projekt darin ein – oder wie erweitert es diesen Begriff?
Ich war eine der ersten Poptimistinnen, doch in letzter Zeit muss ich meine Worte wirklich zurücknehmen. Ich glaube, Alternativen sind notwendig und unterscheiden sich auf entscheidende Weise von Popmusik. Wir müssen klar zwischen Künstler:innen mit großem K, Kunstmaschinen und Projekten großer Labels unterscheiden. Auch für Volkskunst schaffen wir nicht genug Raum – zumindest nicht dort, wo ernsthaft über Kunst diskutiert wird.
Es geht nicht darum, dass manche Kunst mehr oder weniger authentisch ist. Aber es gibt Kunst, die gemacht wird, um Geld zu verdienen, und Kunst, die entsteht, weil Künstler:innen gar nicht anders können, als sie zu machen. Nach vielen Jahren auf Tour und nachdem ich alle Seiten des Ruhms kennengelernt hatte, beschloss ich, nur dann zur Kunst zurückzukehren, wenn ich eindeutig der zweiten Kategorie verpflichtet war.



















