Joshua Samuels kleidet Londons coolste Crowd ein
„Beim Entwerfen denke ich nicht wirklich über Gender nach. Ich mache Kleidung für Menschen.“
In Hackney im Osten Londons, versteckt hinter ehemaligen Eisenbahnbögen, die heute Weinbars beherbergen, liegt das neue Studio von Joshua Samuels. Der britische Designer hat sich in den vergangenen Jahren einen Namen gemacht: Seine Zahl an Instagram-Followern stieg von weniger als 10.000 im Jahr 2023 auf heute über 70.000 – vor allem dank der kultigen FO Baggy-Jeans. Mittlerweile tragen einige der größten Musiker*innen des Landes sie auf der Bühne, darunter Little Simz, Beabadoobee und Sekou.
Samuels empfängt mich draußen, von Kopf bis Fuß in seine eigenen Entwürfe gekleidet, dreht noch eine Zigarette und führt mich dann in den Raum, in dem all das hier entsteht. Denimstapel türmen sich bis zur Decke und umgeben einige Arbeitstische mit Nähmaschinen, Stoffresten und losem Tabak. Nach einer kurzen Führung lassen wir uns auf den Ledersofas nieder – auch darauf liegen verstreute Stoffproben und Papers –, um über die Geschichte eines der am schnellsten wachsenden Streetwear-Labels Londons zu sprechen.
Samuels strahlt Tatendrang aus und bleibt dabei bescheiden – schnell wird klar, wie sehr der Designer für seine Arbeit brennt. Was im Lockdown aus Langeweile mit Nähen und Kleidung für seine Freund*innen begann, führte ihn bis hin zu internationalen Superstars: Joshua Samuels ist ein Kenner neu interpretierter Kleidung. Für die von Skatekultur und der Londoner Streetwear-Szene inspirierten Oversize-Silhouetten verarbeitet sein Team alles Mögliche, von ausrangiertem Denim und Jerseys bis zu Schlafsäcken aus dem Zweiten Weltkrieg. Im Mittelpunkt steht, wie Samuels erzählt, „im Designprozess immer so verspielt und albern wie möglich zu sein.“ Blumen, Totenkopf-und-Knochen-Motive und freche gedruckte Slogans tauchen immer wieder auf – diese Spielfreude zieht sich durch alles.
Auf die Frage, für wen er entwirft, sagt Samuels schlicht: „Beim Entwerfen denke ich nicht wirklich über Gender nach. Ich mache Kleidung für Menschen.“ Diese entspannte Haltung und seine Authentizität haben dazu beigetragen, dass die Marke so organisch wachsen konnte. Wir haben mit dem Designer über alles gesprochen: von den schrägsten Vintage-Funden über seine Wunsch-Celebrities bis hin zu seiner neuesten Kollektion. Das vollständige Interview gibt es hier.
Kannst du uns deine Marke kurz vorstellen und erzählen, wie alles angefangen hat?
Die Marke habe ich eher aus Versehen gegründet. Im Lockdown habe ich aus Langeweile Sachen gemacht und auf Instagram gepostet, und dann sagten meine Freund*innen: „Oh Mann, das will ich haben.“ Das war eigentlich nicht der Plan, aber ich habe mehr gemacht, und die Sachen waren schnell ausverkauft. Bald wollten sie dann Freund*innen von Freund*innen – und deren Freund*innen. So ist alles ganz organisch gewachsen. Der Kern der Marke ist aber immer gleich geblieben: Alles begann zufällig, die Stücke waren upgecycelt, maßgefertigt und auf die jeweiligen Maße zugeschnitten – und wir haben immer versucht, dabei so verspielt und albern wie möglich zu sein.
Du bist für deine verspielten Designs bekannt. Kannst du uns die Geschichte hinter dem Blumenmotiv erzählen?
Das Blumenmotiv ist wohl die kindlichste, dümmste und zugleich naheliegendste Metapher für Upcycling überhaupt. Eine Blume blüht, bestäubt, stirbt, und aus ihrem Pollen entstehen neue Blumen – dieser Kreislauf aus Tod und Wiedergeburt. An den applizierten Blumen fasziniert mich, dass all diese alten Strickteile durch so viele Hände gegangen sind, bevor sie entworfen und gefertigt wurden: Das Garn wurde gesponnen oder angebaut, eine bestimmte Farbe und Strickstruktur ausgewählt, dann ging es in die Produktion und in den Laden. Dort sieht jemand das Teil und denkt: „Oh Mann, irgendetwas an diesem Pullover spricht mich an.“
Dann tragen all diese Menschen die verschiedenen Stücke an unterschiedlichen Orten – im Pub oder bei der Arbeit –, und irgendwann will sie aus irgendeinem Grund niemand mehr haben. Wir fangen sie auf, bevor sie auf der Deponie landen, schneiden sie zu albernen kleinen Blumen und nähen sie auf andere alte Kleidungsstücke. So kann auf deinem Pullover eine Blume aus Nordlondon landen, während jemand in New Jersey eine Blume aus demselben Strickteil auf seinen Pullover genäht bekommt.
Kannst du uns durch deinen Designprozess führen?
Er ist total spielerisch. Natürlich recherchiere ich für das übergeordnete Konzept, aber darüber hinaus versuche ich, meinen Kopf möglichst leer zu bekommen und mit dem zu spielen, was vor mir liegt. Mit allem, was ich in den Monaten zuvor an Vintage-Stücken auftreiben konnte, entwickle ich dann Ideen für die Kollektion. Ich zeichne, skizziere, collagiere oder erstelle keine Moodboards; lieber arbeite ich ganz praktisch mit dem, was da ist: machen, weiterentwickeln, machen, aufgeben, heulen [lacht] – und dann wieder machen und weiterentwickeln. Es muss sich natürlich anfühlen.
Ein wichtiger Teil meines Designprozesses ist, die Stücke selbst zu tragen. Ich entwerfe stark für mich selbst: Wenn ich denke, dass Muster fertig sind, nehme ich sie mit nach Hause. Greife ich im folgenden Monat immer wieder danach, um sie zu tragen, sind sie fertig. Wenn nicht, dann nicht. Wie soll ich etwas verkaufen, das ich selbst nicht tragen möchte?
Was, glaubst du, wird an neu verarbeiteter Kleidung oft missverstanden?
Vielleicht gehen manche davon aus, dass neu verarbeitete Kleidung grundsätzlich weniger wert ist. Aber ich glaube, das verändert sich gerade. Die Menschen beginnen zu verstehen, dass sie, wenn überhaupt, sogar ein bisschen schöner ist. Ich liebe die Spuren, die zeigen, dass etwas schon geliebt wurde. Eine schöne Patina auf einem T-Shirt ist für mich immer viel schöner, als loszugehen und ein neues zu kaufen. Das finde ich viel spannender, weil das Stück bereits eine Geschichte hat, die man weiterschreiben kann, statt etwas Neues zu schaffen. Wir brauchen keine neuen Sachen.
Ich mag, wie inklusiv deine Marke ist. Wie gehst du beim Entwerfen mit dem Thema Gender um?
Beim Entwerfen denke ich nicht wirklich über Gender nach. Ich mache Kleidung für Menschen, weißt du? Wir haben das Glück, dass viele unserer Silhouetten weiter geschnitten sind und wir Stücke nach Maß anfertigen. Unabhängig von deinem Körpertyp finden wir also etwas für dich. Ich entwerfe für mich selbst; ich kleide mich weder besonders extravagant noch besonders maskulin. Deshalb spielt Gender in meinem Denkprozess keine große Rolle.
Du arbeitest viel mit Vintage- und ausrangierten Materialien. Was war das ungewöhnlichste Material, das du je zu einem Kleidungsstück verarbeitet hast?
Zwei Dinge fallen mir sofort ein. Da sind zum einen diese wunderschönen Schlafsackhüllen aus dem Zweiten Weltkrieg, gefertigt aus toller grüner Baumwolle mit einer ganz speziellen Webart: Sie musste wasserabweisend sein, zugleich aber atmungsaktiv genug, damit es darin nicht zu heiß wurde. Der Stoff ist heute fast 100 Jahre alt, und wir fertigen daraus Stücke – er ist einfach wunderschön.
Das andere haben wir erst diese Woche herausgebracht. Wir haben einen Hof in Wales gefunden, auf dem jede Menge Pferdedecken lagen, und gerade einen ganzen Schwung davon bestellt. Nach ein paar Jahren wurden sie nicht mehr benutzt, doch sie haben diese fantastischen, von der Sonne ausgeblichenen Stellen. An den Partien, die unter dem Pferd lagen, bleichen sie auf besonders schöne Weise aus. Das sind wahrscheinlich die beiden unerwartetsten Ausgangsmaterialien.
Kannst du uns ein bisschen über deine kommende Kollektion erzählen?
Die kommende Kollektion dreht sich ganz um die Idee, dass unsere Kleidung Müll ist: Müll im Sinne von ausrangierten alten Dingen – und Müll im Sinne von verdammt furchtbar. Ein großer Teil des Prozesses besteht darin, Vintage-Strick oder andere Vintage-Kleidung im Siebdruck zu bedrucken und diese dann auf andere Vintage-Stücke zu setzen. Wiederkehrendes Thema ist, dass die Kleidungsstücke selbst ein Bewusstsein haben und gar nicht gerettet werden wollen. Diese Kollektion spielt mit dieser Selbstabwertung. Es ist eine sehr kleine Kapselkollektion: ein paar Rundhals-Sweatshirts, Flanellhemden, T-Shirts und eine schöne neue Mütze.
Little Simz und Beabadoobee wurden – neben anderen – in deinen Stücken gesehen. Was bedeutet es dir, wenn Menschen, die du bewunderst, sich deine Kleidung auf ihre eigene Art aneignen?
Oh Mann, das ist so cool. Neulich habe ich noch darüber gesprochen: Ich finde es fast noch cooler, wenn einfach irgendein verdammter Otto Normalverbraucher etwas trägt. Wenn ich an einer Bushaltestelle vorbeikomme und jemand, den ich nicht kenne, meine Entwürfe trägt, reicht mir das schon – das ist großartig. Aber natürlich fühlt es sich besonders an, Menschen aus kreativen Szenen, die ich bewundere, in meinen Sachen zu sehen. Manche von ihnen höre ich schon seit meiner Jugend oder ich liebe ihre Arbeit sehr. Wenn dann jemand, dessen Geschmack ich besonders schätze, auch unseren Geschmack mag, fühlt es sich an, als machten wir etwas richtig.
Welche Celebrity würdest du wahnsinnig gern einkleiden?
André 3000 ist definitiv mein Traumkunde.
Was steht als Nächstes für die Marke an?
Diese Frage bekomme ich oft – ich weiß nicht, was als Nächstes kommt. Ich war nie ein großer Planer. Was mich gerade inspiriert, darum herum werde ich entwerfen. Ich möchte die Marke auf jeden Fall stärker zu einer Lifestyle-Marke ausbauen. Ich liebe die Vorstellung, dass man, ganz gleich, wie man lebt, neu verarbeitete Stücke tragen kann. Wenn du sehr sportlich bist, würde ich gern deine Activewear-Garderobe gestalten. Wenn du dich eleganter kleidest, würde ich gern deine formelle Garderobe machen. Auch Schuhe würde ich gern anbieten; wir arbeiten bereits an einigen Sachen, aber ich würde das liebend gern umsetzen. Ich möchte alles in deinem Leben aus alten Dingen machen können. Ich weiß nicht genau, was als Nächstes kommt, aber bleib der Mission treu.



















