Jeanie Annan-Lewin ist eine in London ansässige Stylistin, Redakteurin und Kreativberaterin. Sie arbeitet für Editorials, Kampagnen, Runway-Shows und Celebrity-Styling und zählt Gucci, Burberry und Nike zu ihren Kund:innen. Ihre Arbeit basiert auf Storytelling und wird von fortlaufenden Gesprächen über Identität, Repräsentation und die Politik der Mode geprägt.
Für The Body Issue erzählt Jeanie mehr über die Arbeit hinter den Kulissen mit Marken, darüber, wie größere Körper in Editorials häufig dargestellt werden, und darüber, woher ihrer Ansicht nach künftige Veränderungen kommen werden.
Hier geht es zum vollständigen Interview.
Was kannst du über die Zusammenarbeit mit Marken und das Briefing erzählen? Wie kommt es typischerweise dazu?
Das ist unterschiedlich. Manchmal beauftragt mich ein Magazin mit einer Strecke, für die ich die modische Ausrichtung übernehme. In anderen Fällen tritt eine Marke direkt für eine Kampagne oder Beratung an mich heran, oder ich arbeite über längere Zeit mit Künstler:innen oder Celebrities daran, ihr Image zu gestalten. Meist gibt es ein kreatives Briefing, Moodboards und Gespräche mit dem oder der Fotograf:in und dem erweiterten Team; anschließend werden Samples bei den Modehäusern angefragt. Genau dort wird Größeninklusion oft zum praktischen Hindernis. Die Vision kann noch so ambitioniert sein – wenn die Kleidung nicht in den passenden Größen existiert, sind der Kreativität sofort Grenzen gesetzt.
Als du in der Branche angefangen hast: Was für Styling-Anfragen kamen damals von den Marken? Wie hat sich das verändert?
Über Repräsentation wurde kaum gesprochen. Erwartet wurde, innerhalb eines engen, weißen europäischen Schönheitsideals zu arbeiten: die neuesten Kollektionen an den dünnsten Models zu zeigen, ohne viel Raum, dieses System infrage zu stellen.
Heute hat sich die Sprache verändert. Marken sprechen deutlich offener über Inklusion, Diversität und Authentizität. Einige handeln tatsächlich nach diesen Werten, andere erkennen sie als Erwartung der Branche an. Die Debatte hat sich schneller entwickelt als die Strukturen, die sie tragen müssten – deshalb befinden wir uns in dieser schwierigen Situation.
Gab es einen Zeitpunkt, an dem dir auffiel, dass Marken vermehrt Curve Models besetzten?
Zwischen 2019 und 2022 gab es eine klare Dynamik. Mehr Curve Models waren in Kampagnen, auf Covern und gelegentlich auf den Laufstegen zu sehen. In einer Branche, die eine breitere Realität lange ignoriert hatte, fühlte sich das wie ein sichtbarer Wandel an. Ob dieser Moment für eine nachhaltige Veränderung stand oder eine Reaktion auf äußeren Druck war, darüber wird noch immer diskutiert.
Hat die Zahl der Curve Models in den vergangenen Jahren zu- oder abgenommen?
Sie stagniert und ist in manchen Bereichen sogar rückläufig. Curve Models sind weiterhin präsent, aber oft nur in vereinzelten oder besonders sichtbaren Momenten statt als selbstverständlicher Standard. Zudem haben alle Plus-Size-Models abgenommen, weil sie nicht mehr so häufig gebucht werden; einige wechseln in den Beauty-Bereich. Marken neigen außerdem dazu, eine einzelne inklusive Kampagne als Beweis für Fortschritt anzuführen, während sich an ihrem übrigen Output nichts ändert.
Wie werden Curve Models oder Models mit größerer Oberweite üblicherweise von Fotograf:innen und Marken dargestellt, wenn sie besetzt werden? Gibt es ein wiederkehrendes Muster?
Es gibt wiederkehrende Muster. Vollere Körper werden häufig so gestylt und fotografiert, dass sie in übergroßen Tailoring-Looks, verschlossenen Posen, vor der Brust verschränkten Armen oder Silhouetten, die die Form eher abflachen als feiern, möglichst wenig Raum einnehmen. Wenn Sexualität thematisiert wird, geschieht das meist in Extremen: entweder vollständig entsexualisiert oder hypersexualisiert. Größeren Models wird nur selten dieselbe Bandbreite, Nuanciertheit und Selbstverständlichkeit zugestanden. Am gelungensten sind die Bilder, die Körpergröße nicht zum Thema machen, sondern der Person einfach erlauben, im Bild zu sein.
Verändert sich das Styling-Briefing deiner Erfahrung nach je nach Körpergröße oder Körpertyp?
Ja, sowohl ausdrücklich als auch unausgesprochen. Man lernt schnell, welche Marken keine Samples über bestimmte Größen hinaus produzieren – und so werden Ideen bereits verworfen, bevor der Prozess überhaupt beginnt. Das ist eine strukturelle Einschränkung, die von der Branche ausgeht, nicht von der Person, die die Kleidung trägt. Deshalb sind größere Körper in Modeeditorials weiterhin unterrepräsentiert: schlicht, weil die Kleidung für sie nicht verfügbar ist.
Gab es in der Branche einen Zeitpunkt, an dem du das Gefühl hattest, dass sich Inklusion und Körperdiversität zum Besseren verändern?
Ja, besonders in den frühen 2020er-Jahren. Es gab ein echtes Gefühl dafür, dass Menschen lang gehegte Vorstellungen von Schönheit und davon, für wen Mode gemacht ist, aktiv hinterfragten. Frustrierend ist, dass sich der Fortschritt verlangsamt hat. Repräsentation ist kein Meilenstein, sondern erfordert dauerhaftes Engagement – etwas, zu dem die Branche offenbar nicht fähig ist.
Fühlst du dich aktuell in der Mode repräsentiert?
Nicht vollständig. In der Branche gibt es mehr Menschen, die aussehen wie ich, als zu Beginn meiner Karriere, doch Repräsentation bedeutet nicht nur Sichtbarkeit. Es geht um Zugang, Chancen und Beständigkeit. Und wenn man, sozusagen, die Karriereleiter hinaufsteigt, gibt es nur sehr wenige Schwarze Frauen in Machtpositionen. Das ist etwas seltsam, wenn man bedenkt, dass wir ständig als Ressource herangezogen werden. Kommt dann noch hinzu, dass man Plus-Size ist, sieht man noch weniger Gesichter. Als Fashion-Redakteurin habe ich noch immer Schwierigkeiten, Luxus-Samples in meiner Größe auszuleihen; es ist offensichtlich, dass größere Körper weiterhin als Ausnahme gelten und nicht als Teil der Kernzielgruppe.
Was muss sich deiner Meinung nach vor allem ändern? Und wer trägt die Verantwortung dafür?
Die wichtigsten Veränderungen müssen hinter den Kulissen stattfinden. Modehäuser müssen ein breiteres Größenspektrum produzieren. Einkaufsteams müssen darin investieren. Redakteur:innen müssen Arbeiten beauftragen, in denen Größe nicht als zentrale Erzählung inszeniert wird. Casting-Direktor:innen müssen ihre Vorstellung davon erweitern, was erstrebenswert ist. Fotograf:innen müssen bei größeren Körpern über wiederkehrende Bildcodes hinausgehen.
Die Verantwortung tragen alle, die die Branche prägen. Repräsentation wird oft gefeiert, wenn sie sichtbar wird. Das eigentliche Ziel ist jedoch ein Punkt, an dem sie so selbstverständlich verankert ist, dass sie nicht mehr eigens hervorgehoben werden muss.