The Body Issue: Kim Russell über Plus-Size-Repräsentation in der Mode
Wir sprechen mit einer der ungefiltertsten Stimmen der Mode über den aktuellen Zustand der Branche.
„Auf gar keinen f-cking Fall.“ So reagierte Stylistin, Beraterin und Kommentatorin Kim Russell auf unsere Frage, ob sie sich derzeit in der Mode repräsentiert fühle. Russell ist für ihre unverblümten, ungefilterten Einschätzungen zu Celebrity-Style, Markenkampagnen und Luxus bekannt. Seit den 2010er-Jahren gilt sie als Pionierin auf Polyvore und hat sich seither ein tiefes kulturelles Wissen über die Branche angeeignet – im Guten wie im Schlechten …
Für The Body Issue sprach sie darüber, wie es ist, als „Plus-Size“-Kulturfigur ihr Nicht-der-Norm-Entsprechen zum Kern ihrer Perspektive gemacht zu haben – und was Marken bei der Repräsentation unterschiedlicher Körper richtig machen können.
Hier geht es zum vollständigen Interview.
Wie stand es um Inklusivität in der Mode, in Kampagnen und auf den Laufstegen, als du in der Branche angefangen hast? Was hast du damals beobachtet?
Als ich um 2020 herum richtig angefangen habe, gab es für mich eine Lücke, durch die ich mich einschleichen, meine Stimme verstärken und mein Handwerk verfeinern konnte. Weil ich während der Pandemie schwanger war und ein Baby bekam, war ich viel zu Hause. Damals sah es also düster aus: Es gab überhaupt keine Laufstege – vielfältige ebenso wenig wie andere. Ich muss auch ehrlich sagen, dass ich nie auf Diversität auf den Laufstegen geachtet habe. Warum, kann ich dir nicht sagen. Das heißt aber nicht, dass ich keine Artikel in Vogue Business lese und sehe, wie sich die Zahlen rückwärts statt vorwärts entwickeln.
Wie beurteilst du den aktuellen Stand von Modekampagnen und der Repräsentation in Bildern?
In mancher Hinsicht gibt es Fortschritte. Casting-Direktor:innen finden Models mit unterschiedlichen Hauttönen und ethnischen Hintergründen, doch beim Thema Körper drehen wir uns in einer Endlosschleife: Wir kehren immer wieder zum Ausgangspunkt zurück. Körpergröße und -form scheinen zu den Dingen zu gehören, die sich je nach Trend ständig verändern. Und vielleicht liegt das daran, dass auch wir uns biologisch ständig verändern?
Aber der Mangel an Körperrepräsentation macht Kampagnen wirklich langweilig. Darunter leidet die redaktionelle Arbeit selbst. Mir fällt nicht einmal eine Kampagne ein, von der ich völlig besessen war. Vielleicht Chanel mit Kylie Minogues „Come Into My World“ – aber nicht wegen der Repräsentation. Und entschuldigt meine Derbheit, aber es sind meistens dieselben zehn Models. Das inspiriert mich nicht.
Fühlst du dich derzeit in der Mode repräsentiert?
Auf gar keinen f-cking Fall. Jedes erfolgreiche „Plus-Size“-Model wird zum Alibi gemacht, aber sie haben flache Bäuche, schmale Arme und Beine, dafür größere Brüste und einen größeren Po. Manchmal ist das einfach ein Schlag ins Gesicht. Es fühlt sich an, als würde man einem so nach dem Motto „Hier, verdammt noch mal“ ein paar Brotkrumen hinwerfen. Diese Frauen sind wunderschön und verdienen ihren Platz in der Geschichte, aber das ist keine echte Repräsentation. Casting-Direktor:innen, Designer:innen und das obere Management dürfen sie nicht länger so präsentieren. Das ist kein Trostpflaster, sondern beleidigend.
2025 hast du bei der BoF-Gala ein maßgefertigtes Outfit von Rick Owens getragen. In deiner Bildunterschrift schriebst du: „Wie selten ich sagen kann, dass ich ein Laufsteg-Sample trage.“ Kannst du das näher erläutern?
Genau dieses Beispiel wollte ich eigentlich als Antwort auf deine letzte Frage nennen. Ich fühle mich in der Mode nicht repräsentiert, weil ich im Gegensatz zu meinen Kolleg:innen meistens keine Mustergrößen tragen kann. Als Kulturfigur in der Mode habe ich manchmal das Privileg, von Marken für ihre Events eingekleidet zu werden – nur kann ich dieses Privileg nie wirklich genießen, weil mir nichts passt. Ich gehe dann mit Schuhen und Taschen nach Hause. In den vergangenen sechs Monaten habe ich 15 Kilo abgenommen, und selbst das reicht nicht. Da fragt man sich wirklich: Wie erbärmlich sind wir eigentlich? Während ich darüber spreche, spüre ich körperlich immer mehr, denn normalerweise denke ich nicht darüber nach und will es auch nicht. Aber wenn man sich hinsetzt und darüber redet, wird einem erst klar, was das alles bedeutet.
Gab es in der Branche einen Zeitpunkt, an dem du das Gefühl hattest, Inklusivität und körperliche Vielfalt würden sich zum Besseren entwickeln?
2018 kommt mir in den Sinn. Damals hatte ich eigentlich schon aufgegeben und arbeitete als Assistenz in der Sonderpädagogik, deshalb war ich nicht wirklich in der Szene drin. Ich konzentrierte mich darauf, mein Wissen über Archive auszubauen und eine gnadenlose Kritikerin zu werden, weil ich den Versuch aufgegeben hatte, Teil der Branche zu sein. Entsprechend erreichte meine Härte einen Höchststand. Ich hatte das Gefühl, mehr größere Körper zu sehen – nicht nur Mädchen mit großen Brüsten und Pos bei flachem Bauch, sondern Mädchen, die tatsächlich auch einen Bauch hatten.
Im Laufe der Jahre hast du mit unglaublich angesehenen Marken und Designer:innen gearbeitet. Welche Marken machen es deiner Meinung nach richtig?
SKIMS macht es richtig. Die Marke hat wirklich eine Formel, die von Anfang an inklusiv war. Ich trage sie fast jeden Tag und fühle mich darin am selbstbewusstesten. Ich habe SKIMS zur Fashion Week mitgenommen; die Marke hat mich schon oft gerettet. Kim Kardashian und Kim Schraub haben von oben bis unten ein großartiges Team; das Konzept funktioniert.
Wie sieht es 2026 aus, wenn man es richtig macht?
Echt zu sein. Dinge nicht zu tun, weil andere einen dazu gedrängt haben. Savage X Fenty und SKIMS gehören zu den wenigen Marken, die so arbeiten: Repräsentation ist bei ihnen immer fest mitgedacht. Die Menschen merken, wenn etwas echt ist.
Marken wollen alles überkomplizieren, sodass wir das Ergebnis hassen und sagen: „Okay, macht einfach weiter wie bisher. Es ist schon in Ordnung, das war so furchtbar – versucht bloß nie wieder, besser zu werden.“ Es richtig zu machen bedeutet auch, dass wir Marken in die Verantwortung nehmen – selbst bei so kleinen Dingen wie darüber zu entscheiden, nicht über ihre Kampagnen zu sprechen oder seelenlosen Dingen keine Aufmerksamkeit zu schenken. Sie brauchen unser Engagement. SIE BRAUCHEN UNS.


















