Wir brauchen mehr Nail Art im Frauensport
Beauty im Sport wird seit jeher belächelt – doch einige unserer Lieblingsathletinnen und ihre Nägel brechen gerade alle Regeln.
Selbstentfaltung kann im Sport schwierig sein – besonders, wenn man nur ein kleines Rädchen in einer riesigen Team-Maschinerie ist. Einheitliche Trikots, oft von Kopf bis Fuß durchgestylt, machen es fast unmöglich, dem Gameday-Look eine persönliche Note zu verleihen. Und doch schaffen es unsere liebsten Athletinnen und Athleten, irgendwie aufzufallen. Meistens gelingt das mit auffälligen Hairstyles und kleinen Tweaks am Outfit, die es zu ihrem eigenen machen. Ein Weg, wie Athletinnen und Athleten ihren persönlichen Style auf den Platz und darüber hinaus bringen, sind ihre Nägel.
Nail Art erlebt gerade ein echtes Hoch – mit Punkten, Streifen, Cat-Eye-Finish und aufwendigen Designs, die die Feeds auf Instagramden Explore-Seiten und auf Pinterest-Moodboards fluten. Für modeaffine Athletinnen und Athleten gehören ausgefallene Nägel zu den wenigen Möglichkeiten, ihren Look auf dem Spielfeld immer wieder zu refreshen. In Sportarten wie Basketball, sind lange Acrylnägel und 3D-Designs vielleicht nicht die funktionalste Wahl – für viele ist es aber die einzig denkbare.
Trinity Rodman, Reilyn Turner, Simone Biles und viele mehr sind bekannt dafür, Acrylnägel in unterschiedlichsten Formen, Längen und Farben zu tragen. Für etwas so Kleines sind sie auf der großen Leinwand überraschend präsent – sie lenken den Blick etwa auf Rodman, wenn sie sich über den Soccer-Pitch dreht – oder auf Biles, wenn Arme und Beine über Stufenbarren und Schwebebalken durch die Luft fliegen.
Wenn wir über Athletinnen und Nägel sprechen, müssen wir allerdings mit der Blaupause beginnen. Florence Griffith Joyner ist einer der ersten Namen, der fällt, wenn man an Sport und Nail Art denkt. Einst die schnellste Frau der Welt und für immer eine Ikone der Laufbahn, wurden sie und ihre Nägel in den 80ern fast untrennbar miteinander verbunden.
Flo-Jo gehörte zu den ersten Athletinnen, die lange Acrylnägel rockten – und bewies, dass sie keine Bremse für die Performance, sondern ein unverzichtbares Accessoire sind, das Goldmedaillen-Shootings veredelt und beim Sprint über die Tartanbahn einfach dazu gehört. Mit Nägeln, die so lang waren, dass sie sich bogen, setzte sie unzählige Trends, die wir heute als ganz selbstverständliche monatliche Nail-Rituale kennen.
Die Vorstellung, dass Beauty und Sport nicht zusammenpassen, hält sich hartnäckig – doch Griffith Joyner versuchte, diese Mauer einzureißen. Heute setzt Sha’Carri Richardson ihr Vermächtnis auf der Bahn fort. Als weiteres amerikanisches Ausnahmetalent polarisiert Richardsons Track-and-Field-Ästhetik – sie hat ebenso viele Fans wie Kritikerinnen und Kritiker. Manche behaupten, ihr buntes Haar und ihre auffälligen Nail-Designs lenkten ab oder seien „too much“ für den Sport, dabei ist es nur die zeitgemäße Fortsetzung dessen, was Griffith Joyner vor all den Jahren begonnen hat.
Richardsons Acrylnägel sind lang, laut und faszinierend – jede Nail mit eigener Form, Farbe und eigenem Muster. Bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris, trug sie gleich mehrere verschiedene Sets, ihre Nägel wirkten alle paar Tage wie ausgetauscht – und zogen damit fast genauso viel Medienaufmerksamkeit auf sich wie ihre Medaillenläufe. Auch wenn Richardson das Nail-Game aktuell dominiert, ist sie längst nicht die einzige Athletin, die Nail Art auf das nächste Level bringt.
Die Turnerin und Olympia-Medaillengewinnerin Jordan Chiles ist für ihre Nail-Designs bekannt und zeigt auf dem Floor angesagte Styles, während sie turnt. Auf dem Tennisplatz stimmt Coco Gauff ihre Nägel regelmäßig auf ihre New-Balance-Outfits ab, greift Schlüsselfarben, Motive und Tennisball-Motive auf und lässt sie ihre Aufschläge durch jeden Grand Slam begleiten.
Ja, Athletinnen und Athleten füttern unsere sporty Nail-Art-Fantasie inzwischen regelmäßig – und trotzdem wollen wir mehr. Ein paar große Namen hier und da fühlen sich zu wenig an, gerade jetzt, wo der Frauensport weltweit im Rekordtempo wächst. Die Idee, dass Nail Art und Beauty im Frauensport etwas Triviales, Unernstes seien, scheint sich hartnäckig zu halten. In einer Welt, in der Sportlerinnen noch immer darum kämpfen, ernst genommen zu werden, überrascht es kaum, dass viele die Aufmerksamkeit scheuen, die mit langen Acrylnägeln oder knalligen, abstrakten Designs einhergeht.
Athletinnen, die Make-up, Acrylnägel oder als „over-the-top“ abgestempelte Hairstyles tragen, werden überproportional heftig für Hobbys und Trends kritisiert, die für viele andere Frauen völlig selbstverständlich sind. Die Gesellschaft legt für Sportlerinnen andere, unerfüllbare Maßstäbe an – und projiziert die Werte und Erwartungen des Männersports auf Frauen im Sport. Die Strenge und konservative Haltung vieler Männerligen passt nicht zu der inklusiven, dynamisch wachsenden Kultur, die im Frauensport entsteht. Es ist Zeit, sich von den engen Grenzen des Männersports zu lösen – und Nail Art könnte der perfekte Türöffner sein.
Trotz all dieser Denkmuster, die wir noch aufarbeiten und verlernen müssen, zeigt der Trend klar nach oben. Die in New York ansässige Nail-Artistin Nika Belilovsky und ihre Arbeit mit dem NWSL-Team Gotham FC haben sie von kuratierten Press-ons und Nail Art für Stadion-Pop-ups dazu gebracht, spezielle Gameday-Nails für Torhüterin Teagan Wy.
Für Nail Art im Frauensport gibt es definitiv einen Markt – und mit einer neuen Generation von Athletinnen, die nachrücken, werden wir sie wohl immer häufiger sehen. Noch schaffen es nur wenige Namen auf unsere Moodboards für den nächsten Nail-Termin, aber gib dem Ganzen ein paar Jahre – vielleicht wird Sport dann zur neuen Obsession deines Nailstudios.



















