The Body Issue: Algorithmen und Sichtbarkeit
Hypebaes The Body Issue untersucht, wie Algorithmen Mode auf Körper zuschneiden, die für den Bildschirm gemacht sind – und welche Designer:innen schon jetzt neu definieren, wie ein Modekörper aussehen darf.
Dass Mode inklusiven Körpern kaum eine Bühne bietet, begann lange vor unserer heutigen Kultur der LLMs und Bildschirmtrends. Neu ist, wie sehr die Modebranche dazu angehalten wird, sich an Körperstandards zu orientieren, die Algorithmen setzen. Dadurch verengt sich das Spektrum dessen, was Mode als begehrenswert betrachtet, immer weiter – auf das, was beim Scrollen schnell erfassbar ist.
Gleichzeitig hielt generative KI mit atemberaubender Geschwindigkeit Einzug in die Bildwelten von Modekampagnen. Modemarken, die für ihre Kampagnen generative KI-Bilder einsetzen, werden vielfach dafür kritisiert, Ideale der Hyperperfektion voranzutreiben und reale Körper aus dem Briefing auszuschließen.
Jede Plattform ist – genau wie jeder Modezyklus – ein Mechanismus der Auswahl. 2020, wenige Jahre nach dem weltweiten Start von TikTok, wurde berichtet, dass die App Plus-Size-Körper per Shadowbanning weniger sichtbar machte. Natürlich hat der Algorithmus die Hierarchie darüber, welche Körper gesehen werden, nicht erfunden; er hat lediglich ein bestehendes Vorurteil in Infrastruktur verwandelt.
Die in Amsterdam ansässige Designerin Esmay Wagemans erklärt: „Algorithmen erzeugen Rückkopplungsschleifen um das, was als relevant oder sichtbar gilt. Dadurch wird der Körper zunehmend von dem geprägt, was auf einem Bildschirm gut funktioniert.“ Kurz gesagt: Ein Körper, der innerhalb dieses visuellen Systems lesbar ist, wird kommerziell wertvoll. Die unausgesprochene, vielleicht sogar unbewusste Strategie dahinter: Lässt sich der in einer Kampagne gezeigte Körper schnell erfassen, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass daraus Verkäufe entstehen.
Das beeinflusst nicht nur, an wem ein Look gestylt wird, sondern auch, wie Menschen sich kleiden, was gekauft wird und wie lange ein Trend überlebt. Und noch entscheidender: Es prägt unsere Beziehung zu unserem eigenen Körper.
Wagemans beobachtet diese Auswirkungen in ihrem Studio. Für ihre Arbeit erstellt sie 3D-Scans ihrer Models, um maßgeschneiderte Formen zu entwickeln, die auf deren Körpern basieren. Sie erzählt, dass sich ihre Models immer häufiger unwohl fühlen, wenn sie sich in diesen 3D-Scans sehen – weil zweidimensionale Silhouetten, die für den Algorithmus inszeniert werden, zur Standardform unserer Selbstwahrnehmung geworden sind. Erst wenn wir uns in unserer ganzen Körperlichkeit wahrnehmen, feiern und stylen, beenden wir diese Inszenierung.
Wagemans’ Arbeit wirkt zweidimensionalen Bildern entgegen, weil sie exakt auf die Form eines Menschen zugeschnitten ist. Von diesem Designansatz und diesem Modeverständnis können wir lernen: Kollektionen und Konzepte sichtbar zu machen, die Räumlichkeit ins Zentrum stellen.
Gleichzeitig besteht bei generativen KI-Bildern die reale Sorge, dass der Körper in einer Branche, die davon lebt, ihn zu kleiden, optional wird. 78 % der Befragten in unserer Umfrage erwarten, dass KI-generierte Bilder bestehende Körperstandards eher verfestigen als erweitern. 47 % glauben, dass Körper ausschließlich für die Performance im Algorithmus optimiert werden, und 31 % meinen, dass das bestehende Ideal schlicht weiter verstärkt wird. Bezeichnenderweise sind nur 5 % überzeugt, dass KI-Bilder die Bandbreite der Körper erweitern werden, die uns Mode zeigt.
Die Partnerschaft von Levi mit Lalaland.ai aus dem Jahr 2023 ist ein Beispiel für diese Reaktion. Die Denim-Marke lancierte für ihre E-Commerce-Seite eine Kampagne mit KI-generierten Models, um die Vielfalt der Models zu erhöhen. Die Kampagne ging nach hinten los: Konsument:innen verstanden sie so, dass die Marke Inklusivität lediglich inszeniere, statt sie tatsächlich zu leben. Dieses Gefühl spiegelt sich auch in Branchenberichten etwa von eMarketer wider: Demnach hat sich die Zahl der Konsument:innen, die generative KI als „negativen Umbruchsfaktor“ sehen, seit 2023 nahezu verdoppelt.
Zum Glück gehen einige Designer:innen beim Experimentieren mit dem Körper einen völlig anderen Weg. 2024 berichteten wir erstmals über den Aufstieg von Skin Interfaces, eine ästhetische Bewegung, zu der digitale Designer wie Éamonn Freel gehören. Seine Kampagnenbilder machen den Körper unmittelbar zur Mode. Seine Arbeiten zeigen Modekörper verzerrt und unperfekt – und wirken damit sehr viel authentischer für die Erfahrung, heute in einem Körper zu leben.
Darauf folgte der Aufstieg von Skin Interfaces in physischen Kollektionen.
TTSWTRS, Rohan Mirza und Leawald arbeiten alle mit Fleisch als Material oder mit Trompe-l’œil-Techniken, die das Auge glauben lassen sollen, Material sei Haut. Der zunehmende Einsatz von Prothesen in Kampagnenbildern führt diesen visuellen Ansatz fort. Nike, Converse und Collina Strada haben in letzter Zeit jeweils Prothesen an Models auf Laufstegen und in Kampagnen eingesetzt und den Körper so als Material für Gestaltung und Experimente behandelt.
Skin Interfaces machen eines richtig: Ein Körper muss weder verborgen noch perfektioniert werden, um Aufmerksamkeit zu fesseln. Einige Befragte unserer Umfrage stellten sich vor, dass KI „Fantasy-Körper hervorbringt, die nicht vorgeben, real zu sein“. Wir hoffen, dass dies künftig bei mehr Bildern aus Modekampagnen und Produkten der Fall sein wird.
Ein fantastischer, glitchiger Körper verspricht keine Perfektion und versucht nicht zu täuschen. Da algorithmische Rankings und generative Bilder nicht verschwinden werden, stellt sich weniger die Frage, was wir trotz dieser Systeme schaffen, sondern vielmehr, was wir in ihnen aufbauen. Das ist der Modekörper, auf den es sich als Nächstes hinzugestalten lohnt.

















