The Body Issue: Esmay Wagemans über Sichtbarkeit im KI-Zeitalter
Die Materialforscherin erzählt, was das Abformen von Haut sie über die Grenzen des Körpers in der Mode gelehrt hat.
Die in Amsterdam lebende Künstlerin und Materialforscherin Esmay Wagemans arbeitet an der Schnittstelle von Mode, Technologie und Körper. In Handarbeit formt und gießt sie Silikon, Harz und Verbundwerkstoffe zu tragbarer Kunst, die in feministischen und posthumanistischen Denkansätzen verankert ist.
„Ich begreife den Körper heute stärker als Träger von Erinnerung, Angst, Begehren, Politik und Zeit“, sagt sie auf die Frage, wie sich ihr Verhältnis zum Körper verändert habe. Wagemans ist für ihre innovative Materialpraxis bekannt und nutzt das Abformen lebender Körper, um zu hinterfragen, was ein Körper eigentlich ist. Ihre Arbeiten waren bereits an Solange, Rosalía und Sevdaliza zu sehen.
Für The Body Issue spricht sie darüber, wie algorithmische Systeme beeinflussen, wer online gesehen wird, und wie sich Experimente mit dem Körper sowohl gestalterisch als auch politisch einsetzen lassen.
Lesen Sie hier das vollständige Interview.
Wie hat sich Ihre Arbeit mit körperlichen Materialien und Bildwelten verändert, seit Sie angefangen haben?
Als ich begann, mit dem Körper zu arbeiten, interessierten mich Transformation und die Idee, dass sich der Körper neu denken lässt, besonders stark. An der Universität beschäftigte ich mich intensiv mit Cyborg-Theorie, Posthumanismus und dem Verhältnis von Mode und Identität. Heute bin ich mir der Systeme rund um den Körper stärker bewusst: wer zensiert wird, wer zur Ästhetik gemacht wird und wie Technologie diesen Prozess beeinflusst. Außerdem sehe ich den Körper weniger als perfektes Bild, sondern eher als etwas Vorübergehendes, das sich fortwährend verändert. Ich begreife ihn stärker als Träger von Erinnerung, Angst, Begehren, Politik und Zeit. In meiner Arbeit versuche ich, beide Seiten zusammenzubringen: den Körper als etwas Futuristisches und Spekulatives, aber zugleich als etwas sehr Menschliches, Fragiles und als Teil der Welt von heute.
Wie hat sich das Selbstbild verändert, seit das Verhältnis vieler Menschen zu ihrem Körper zunehmend durch die Frontkamera oder ein statisches Bild vermittelt wird?
Verändert hat sich vor allem, wie Menschen ihren Körper wahrnehmen, wenn sie seine Haltung nicht kontrollieren können. Im Spiegel sieht man sich normalerweise bereits in Pose, weil man so dasteht, wie man gesehen werden möchte. Das Abformen dauert bei mir so lange, dass der Körper irgendwann in einen entspannten Zustand findet, den man nicht spüren oder steuern kann, weil das Material schwer auf einem liegt. Gerade dieses entspannte Gesicht und diese Haltung gefallen vielen am wenigsten, wenn sie sich selbst sehen.
Schwieriger ist das heute auch, weil die Online-Präsenz vieler Menschen so stark von der tatsächlichen Erscheinung ihres Körpers abweicht. In den sozialen Medien konstruiert man ein Bild und hält es ein paar Sekunden lang – und genau daran gewöhnt man sich dann. Das eigene Gesicht kennt man meist nur als flache, spiegelverkehrte Reflexion. Ein Abguss zeigt es dagegen auf einmal und aus jedem Winkel. Diese neue Begegnung mit sich selbst kann unangenehm sein.
Was sagt die gegenwärtige Faszination der Mode für Haut und Prothesen Ihrer Meinung nach über das Verhältnis von Mode und Körper aus?
Das Verhältnis von Mode und Prothesen sowie das Hinterfragen der Grenzen des Körpers werden schon lange erkundet, allerdings oft in eher nischigen Kontexten. Heute interessiert sich Mode nicht mehr nur dafür, den Körper zu kleiden, sondern auch dafür, ihn zu verändern, zu erweitern, zu verdoppeln oder zu ersetzen. Sobald man den Körper hinterfragt, betritt man fast automatisch das Feld der Transformation und stellt sich vor, was ein Körper noch alles sein könnte.
Das hängt auch damit zusammen, wie wir den Körper durch digitale Kultur erleben. Unsere Körper sind Teil davon geworden, wie wir Identität online inszenieren; wir erleben sie ständig über Bilder. Wir leben in einem sehr individualistischen Moment, in dem Selbstausdruck, Selbstentfaltung und Identität besonders stark im Vordergrund stehen. Das weckt ein stärkeres Bedürfnis, den Körper als Ort des Experimentierens zu nutzen. [Experimentation] Das kann sehr kraftvoll sein, wenn dadurch Raum für fließendere, hybride oder nicht normative Körper entsteht.
Was können Sie über Ihre Arbeit „Body Politics“ mit Sevdaliza erzählen?
„Body Politics“ war eine Zusammenarbeit mit Sevdaliza, entstanden aus einem gemeinsamen Interesse am Körper als politischem und symbolischem Raum. Damals wurde ihr Körper stark kritisiert, weil er nicht dem engen Ideal entsprach, wie ein weiblicher Körper auszusehen habe. Mit „Body Politics“ wollten wir noch weitergehen und gerade die kritisierten Aspekte verstärken. Es war eine Auseinandersetzung mit der Vorstellung, Weiblichkeit müsse klein, weich und zierlich sein. Der Zeitpunkt war passend, denn die Bewertung, Sexualisierung und Politisierung des weiblichen Körpers waren damals sehr präsente Themen.
Was verrät Mode darüber, wie wir den Körper bewerten, und welchen Einfluss haben Algorithmen und Bildschirmzeit Ihrer Meinung nach auf diese Wahrnehmung?
Mode zeigt, wie sehr wir den Körper als Bild bewerten. Sie spiegelt fortlaufend wider, welche Körper zu einem bestimmten Zeitpunkt als begehrenswert, kraftvoll oder akzeptabel gelten. Algorithmen haben dies verstärkt, indem sie Bilder wiederholen und priorisieren. So entstehen Rückkopplungsschleifen rund um das, was als relevant oder sichtbar gilt. Dadurch wird der Körper zunehmend von dem geprägt, was auf einem Bildschirm gut funktioniert.
Dadurch ist unser Verhältnis zum Körper fragmentierter geworden. Einerseits sind unterschiedliche Identitäten sichtbarer. Andererseits wächst auch der Druck, innerhalb eines visuellen Systems lesbar zu werden: einen Körper, ein Gesicht oder einen Stil zu haben, der schnell verstanden, leicht geteilt und von Plattformen kategorisiert werden kann.
Gibt es in Modekampagnen noch Raum für vollständig digitale Körper, oder steuern wir auf eine Hybridisierung zu?
Der vollständig digitale Körper hatte einen sehr spezifischen Moment, besonders als virtuelle Influencer und digitale Mode als Zukunft präsentiert wurden. Doch nach einer Weile sehnten sich Menschen wieder nach etwas Beseelterem, Unperfektem und emotional Präsenterem. Am spannendsten finde ich den Raum zwischen dem Physischen und dem Digitalen. Ich mag es, wenn man nicht sofort erkennt, wo das eine endet und das andere beginnt. Dieser hybride Raum entspricht auch ehrlicher unserer heutigen Lebensrealität. Der digitale Körper ist nicht verschwunden, sondern stärker eingebettet worden. Es geht darum, wie digitale Logiken und Räume unser Verständnis realer Körper prägen.

















