The Body Issue: Karoline Vitto über Curvy Models und die Nachfrage der Kundschaft

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Karoline Vitto

Karoline Vitto ist eine in Brasilien geborene, in London ansässige Designerin, bekannt für ihren skulpturalen, größeninklusiven Ansatz in der Damenmode. Ihre Marke arbeitet mit einem erweiterten Größenspektrum und Maßanfertigungen. Im Zentrum ihrer Designphilosophie steht der weibliche Körper – entworfen speziell für kurvigere Figuren.

Vitto gründete ihr gleichnamiges Label 2019, und seither hat die Branche einen regelrechten Wandel durchlebt. Vom inklusiven „Höhepunkt“ im Jahr 2020 bis zur Rückkehr von „Heroin Chic“ war es für Designer:innen, die inklusive Mode schaffen und eine vielfältigere Branche voranbringen wollen, kein leichter Weg.

Für The Body Issue erzählt Vitto mehr über die Geschichte hinter ihrer Marke, darüber, wie sich ihre Kundschaft in den vergangenen sieben Jahren verändert hat, und woher ihrer Ansicht nach die entscheidenden Impulse für Veränderung kommen werden.

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Seit der Gründung von Karoline Vitto im Jahr 2020: Was hat sich Ihrer Meinung nach in der Branche verändert?
Wenn ich darüber nachdenke, ist es verrückt: Es hat sich so viel verändert. Ich habe die goldenen Jahre der Body Positivity erlebt. Ich gehörte nicht zu den Ersten – andere hatten damit schon früher begonnen –, aber wir waren kurz davor. Damals gab es Marken wie Parade, von denen einige inzwischen gar nicht mehr existieren. Parade war eine großartige Underwear-Marke, die in ihrem E-Commerce unterschiedliche Models zeigte. Vor allem kommerzielle Marken setzten damals in Werbung und Kampagnen auf Diversität. Unter den unabhängigeren Labels gab es Sinéad O’Dwyer. Zu diesem Zeitpunkt fühlte sich die Lage wirklich positiv an, als würden sich die Dinge zum Besseren wenden.

Im Februar 2023 spürte ich einen Umschwung. Bei Castings insgesamt hatten viele Models in der Branche stark abgenommen. Da sah ich die ersten Anzeichen dafür, dass GLP-1-Medikamente genutzt wurden. Danach wurde es zunehmend schlimmer. Es war irgendwann weithin bekannt, dass viele Leute in der Branche sie nahmen, doch alles blieb sehr unter dem Radar – niemand sprach darüber.

Um diese Zeit haben wir Sie zum Mangel an größeren Brüsten auf dem Laufsteg interviewt. Wie hat sich diese Debatte seither entwickelt?
Es gibt diese Vorstellung: Mit einer kleineren Brust kann man ohne BH ausgehen und sieht dabei richtig cool, schick und frisch aus. Ich kann mir nicht vorstellen, vor allem im Sommer ohne BH oder irgendeine Form von Halt das Haus zu verlassen. Ich sehe das und frage mich: Was ist hier eigentlich die Botschaft? In welcher Lebensphase haben wir sehr kleine Brüste? Wenn wir sehr jung sind. Das ist die einzige Zeit, in der ich mich daran erinnere, selbst so ausgesehen zu haben. Menschen haben unterschiedliche Körper, und natürlich sind manche Frauen von Natur aus so gebaut – aber aus irgendeinem Grund scheint das bevorzugt zu werden. Das ist für mich seltsam.

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Wie hat die Wahrnehmung des Körpers in den vergangenen Jahren Ihren Designprozess beeinflusst? Wenn Models kleiner werden: Hat das Ihre Arbeitsweise verändert?
An erster Stelle müssen wir an die Kundschaft denken. Wir können uns nicht ausschließlich auf die Models konzentrieren, denn eine Aufgabe der Marke ist es auch, wirtschaftlich tragfähig zu sein. Letztlich sind wir ein Unternehmen. Wir müssen darauf reagieren, was Kund:innen kaufen und wo sie gerade stehen.

Früher hatten wir ein breiteres Größenspektrum, bis zur britischen Größe 28. Die größten Größen daraus verkaufen wir nicht mehr, weil sich ein großer Teil unserer Kundschaft verändert hat. Ich habe aufgehört, sie zu produzieren, weil ich es mir schlicht nicht mehr leisten kann, die Kosten für Produktion und Lagerbestand vorzufinanzieren, ohne einen klaren Weg zum Abverkauf zu haben. Das heißt nicht, dass es diese Kundschaft nicht gibt, aber innerhalb unserer Marke kauft sie einige dieser Größen nicht mehr. Da die größeren Größen größtenteils nicht mehr gekauft wurden, führen wir sie nicht mehr auf Lager. Auf Bestellung fertigen wir aber weiterhin jede Größe an. Und die kleineren Größen sind noch kleiner geworden, daher mussten wir unseren Gradierungsprozess anpassen.

Warum hat es eine so große Veränderung gegeben? Denn wie Sie sagten, schien die Entwicklung doch in eine positive Richtung zu gehen …
In Politik und Kultur allgemein gab es eine deutliche Verschiebung nach rechts außen und hin zu dieser „Tradwife“-Ästhetik. Schaut man darauf, was getragen wird, sind die Silhouetten der späten Neunziger und frühen 2000er zurück. Und das vorherrschende Bild ist: Alle, die damals in den Medien zu sehen waren oder in der Mode zirkulierten, waren dünn. Wenn man schlank ist und keine besonders große Brust hat, ist diese Silhouette perfekt. Aber wie soll man sie tragen, wenn man kurvig ist?

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Mit Blick in die Zukunft: Woher wird Ihrer Meinung nach positive Veränderung in der Körperrepräsentation kommen?
Auf TikTok gibt es viele Creator:innen aus dem Alltag, die das Wiederaufleben dessen befeuern, was wir 2016/17 hatten. Sie müssen nicht mehr darüber sprechen, sie können einfach sein. Wir vergessen, wie kraftvoll das ist: Mädchen zu sehen, die ihren Bauch zeigen, keine britische Größe 6 tragen und eher Mid- oder Plus-Size entsprechen, dabei in einem tollen Outfit cool und selbstbewusst aussehen – wir vergessen, welche Wirkung das hat. Ich hoffe, dass sich die Dinge in diese Richtung entwickeln.

Was wir ebenfalls vergessen, ist die Logik hinter einer Modenschau. Deshalb glaube ich wirklich nicht, dass diese Veränderung von großen Marken oder Modenschauen ausgehen wird. Marken brauchen Shows für ihre Sichtbarkeit, aber sie müssen sie so umsetzen, dass das Budget nicht gesprengt wird. Die kostengünstigste und am leichtesten zu organisierende Art, eine Show zu machen, ist, alles in derselben Größe zuzuschneiden. Das ist der eigentliche Grund, warum Modenschauen nicht inklusiv sind. Es liegt nicht unbedingt daran, dass Marken keine Diversität wollen. Vielleicht will das obere Management sie grundsätzlich, aber es ist eine Kostenfrage.

Das ist eine gemeinsame Aufgabe, und seien wir ehrlich: In Paris wird das nicht über Nacht passieren. Wenn die Veränderung von irgendwoher kommt, dann vielleicht von kleineren Marken oder von der Couture, denn sie ist von Natur aus maßgeschneidert. Schaut man sich die Marken an, die es tun, dann sind ihre Gründer:innen allesamt Menschen, denen es wirklich wichtig ist. Es sind Menschen, die persönlich daran interessiert sind und lieben, was sie tun. Nicht alle bringen dasselbe Maß an persönlichem Engagement oder eigene Erfahrungen mit. Darauf läuft es meiner Meinung nach hinaus.

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