Warum sieht gerade alles auf dem Laufsteg so chaotisch aus?
Perfektion war gestern – jetzt übernehmen die Party-Girls.
Über die gesamte Herbst/Winter 2026 Fashion Month Laufstege, lag spürbar etwas in der Luft. Nicht zueinander passende Stylings, fehlerhafte Entwürfe, zerzauste „Bedhead“-Frisuren und schlechte Angewohnheiten rückten ins Zentrum – eine bewusst inszenierte Ästhetik des gewollten Chaos. Das „messy girl“ scheint zum Inbegriff von High-Fashion-Chic zu werden – dank perfekt bekleckster Shirts und Morning-after-Make-up.
Vielleicht als Reaktion auf KI, politische Unsicherheit, existenzielle Ängste – oder schlicht den natürlichen Rhythmus von Trendzyklen – schicken Marken heute ein „hot mess“ über den Laufsteg. Doch sobald Luxusmodehäuser einsteigen, stellt sich die Frage: Wird daraus eine inszenierte Suche nach Authentizität?
Nach Saisons, die von hyperpoliertem Minimalismus, Quiet Luxury und der Internet-Besessenheit von der „clean girl“-Ästhetik dominiert waren, tritt diese neue, rebellische Energie als konsequente Antithese auf. Der Reiz, bis ins Detail perfekt gestylt zu sein, wirkt plötzlich altmodisch, seelenlos und fast ein wenig weltfremd. Stattdessen flirtet die Mode jetzt mit Makeln.
Natürlich ist die Idee, Imperfektion zu umarmen, alles andere als neu. Dekonstruktion ist seit Langem Teil der visuellen Sprache der Mode, geprägt von Pionier:innen wie Martin Margiela und Rei Kawakubo. Die japanische Designphilosophie des Wabi-Sabi rückt ebenfalls die Schönheit des Unvollkommenen in den Fokus. Seit Jahrzehnten stellen Designer:innen klassische „Regeln“ des Designs – Symmetrie, Perfektion, Ausgewogenheit – zugunsten von Bruch und Irritation infrage (man denke an Vivienne Westwood zum Beispiel). Wo es Regeln gibt, gibt es eben auch Rebell:innen. Der verwuschelte Look war außerdem ein Markenzeichen der frühen 2000er-Mode, maßgeblich geprägt von den Olsen-Twins.
Manche Designer:innen näherten sich der Imperfektion subtiler. Bei Courrèges, wurde scharf geschnittenes Tailoring mit einem absichtlich hochgeklappten Kragen gestylt, was die Symmetrie einer ansonsten präzisen Silhouette bricht. Unterdessen ließ Marc Jacobs, Models in Schuhen mit ungleichen Riemen über den Laufsteg laufen – genau jene Art kleiner Designfehler, die man normalerweise kurz vor dem Verlassen der Wohnung noch hastig korrigiert – oder in „schlecht sitzenden“ Röcken, die bewusst ungelenke Silhouetten erzeugten. Selbst Marken, die auf Präzision und Perfektion bauen, wirkten bemüht, sicherzustellen, dass ihre Entwürfe nicht zu perfekt wirkten.
Dieselverkörperte diese Stimmung vollkommen mit einer Show, die den „Morning-after“-Mess zelebrierte. Das Set war mit Überbleibseln vergangener Schauen übersät und schuf so eine chaotische Kulisse für eine Kollektion, gedacht für all jene, die nach einer langen Nacht in einem zufälligen Hotelzimmer aufwachen. Denim kam mit permanenten Harzfalten, Tops waren mit eingenähten Knitterfalten konstruiert – wie Kleidung, die im Eiltempo übergestreift wurde.
Wenn Online-Ästhetiken über Jahre auf Perfektion optimiert wurden, ist es nur logisch, dass sich viele wieder nach der chaotischen, spontanen Natur des echten Lebens sehnen. Die Ära des Hochkuratierten hatte ihren Moment, doch das Pendel schlägt nun offenbar in die entgegengesetzte Richtung – zugunsten von Party-Girls, Typ-B-Persönlichkeiten und dem mühelosen Coolnessfaktor, sich einfach nicht um Frizz zu scheren.
In einer Zeit, in der Algorithmen in Sekunden makellose, fast unheimlich perfekte Bilder erzeugen, scheint die Mode sich etwas deutlich Menschlicherem zuzuwenden: Fehlern. Während Künstliche Intelligenz die Grenzen zwischen realer und synthetischer Kreativität zunehmend verwischt, stehen Designer:innen immer stärker vor der Aufgabe zu beweisen, dass ihre Arbeit unverkennbar menschlich ist. Diese vermeintlich „unattraktiven“ Details wirken wie der leise Gegenangriff der Mode. Alles erscheint roher und dadurch echter. Chaotisches Styling transportiert eine Authentizität und Emotionalität, die ein Algorithmus kaum nachbilden kann – und vor diesem Hintergrund werden Makel auf seltsame Weise tröstlich.
Auch ein Blick in die Geschichte zeigt: Phasen der Unsicherheit bringen oft chaotische Ästhetiken hervor. In Zeiten wirtschaftlicher Flaute oder politischer Instabilität neigen Menschen zu Hedonismus und Eskapismus. Die Finanzkrise 2008 leitete die Ära des Indie Sleaze ein, geprägt von Dance Music und einer verwuschelten Nachtlebenkultur. In den 1990ern trug die Rezession zum Aufstieg von „Heroin Chic“ und Grunge bei, während die politischen Unruhen der 1970er-Jahre den Weg für Punk ebneten. Wenn sich die Zukunft unberechenbar anfühlt, wirkt Perfektion plötzlich belanglos.
Das heutige Klima trägt ähnliche Untertöne. Finanzielle Sorgen, globale Instabilität und permanentes digitales Rauschen erzeugen das Gefühl, dass alles leicht aus dem Gleichgewicht geraten ist. Die Mode spiegelt diese Stimmung – wie immer – wider. Gleichzeitig wächst das Bewusstsein dafür, dass das traditionelle Spektakel der Fashion Week mit exklusiven Shows, prominenten Front Rows und unnahbarem Luxus schnell von der Realität des Alltags entkoppelt wirkt. Indem Designer:innen Humor, Imperfektion oder Absurdität einbauen, gestehen sie diese Spannung womöglich leise ein.
Natürlich sind auch diese „Fehler“ bis ins Detail durchchoreografiert. Messy Hair wird von Profis frisiert, schiefe Kragen werden bewusst drapiert, und ungleiche Schuhe folgen einer präzisen Creative Direction. Imperfektion in der Mode ist selten zufällig – und genau das macht den Reiz aus. In einer Welt, die immer stärker kuratiert und zugleich unsicherer wirkt, trifft die Idee, Makel zu umarmen – selbst künstliche – einen Nerv. Mode wird vielleicht nie wirklich chaotisch sein, aber im Moment will sie zumindest so aussehen, als könnte sie es sein. Also an alle „messy girls“ da draußen: Bleibt genau so, wie ihr seid.



















