Hinter den Kulissen der Steppung: So entstehen Miu Mius Matelassé‑Taschen
Vom Archiv bis zur Fertigungslinie: ein exklusiver Blick auf zwei Jahrzehnte Handwerkskunst hinter Miu Mius unverwechselbarer Matelassé‑Technik.
Vor zwanzig Jahren präsentierte Miu Miu auf dem Laufsteg der Paris Fashion Week ein Leder, dessen Textur und Attitüde so unverwechselbar waren, dass es für die folgenden zwei Jahrzehnte die Designsprache des Hauses prägen sollte. Matelassé – eine erhabene, unverkennbar haptische Steppung – erschien erstmals in der Herbst/Winter-Kollektion 2006. Seither haben sich Maßstab und Farbgebung verändert, die Silhouetten gewandelt: Mal zeigte es sich weich und pastellig, in der nächsten Saison dann bonbonfarben leuchtend. Doch Matelassé blieb stets etwas, zu dem Modefans immer wieder zurückkehren – ein Symbol, das all die Komplexität und Vielseitigkeit der Miu-Miu-Frau in sich vereint.
Zum 20. Jubiläum reisten wir in die Toskana, wo Matelassé tatsächlich gefertigt wird, um den Entstehungsprozess der Taschen aus erster Hand kennenzulernen. Vom Archiv, das seine Geschichte bewahrt, bis zur Werkstatt, in der aus einem einzelnen Lederpanel eine Wander oder vielleicht eine Arcadie wird: Hier ist alles, was wir unterwegs gesehen haben.
Unser Besuch begann noch vor der Produktionshalle mit einer Führung durch den Hauptsitz der Prada Group vor den Toren von Florenz. Der Standort selbst blickt auf eine Geschichte zurück, die fast so vielschichtig ist wie das Leder, das dort gefertigt wird.
Entworfen wurde der Komplex vom Architekten Guido Canali, einem langjährigen Wegbegleiter des Hauses – und seine Handschrift ist überall erkennbar. Das Hauptgebäude erhielt von seinen Bewohner:innen einen Namen, der alles sagt: „Winter Garden“. Es besteht überwiegend aus Stahl und wurde rund um ein nahezu ausgewogenes Verhältnis von Architektur und Grün gestaltet. Ranken überziehen große Teile der Fassade – eine bewusste Referenz an die frühere Nutzung des Geländes, bevor die Prada Group dort baute. Jede Pflanze auf dem Areal wurde gezielt ausgewählt, weil sie in der Toskana heimisch ist.
Vom Haupteingang ging es weiter ins Archiv, einen Raum, in dem Jahrzehnte Miu-Miu- und Prada-Geschichte Seite an Seite lagern. Es ist so organisiert, dass sich ganze Werkgruppen gemeinsam betrachten lassen, und umfasst schätzungsweise 22.100 Miu-Miu-Stücke, darunter 6.500 Handtaschen. Das Designteam besucht das Archiv täglich als Referenzquelle, während Stücke regelmäßig für Ausstellungen, Kampagnen und Events in Mailand und darüber hinaus ausgeliehen werden.
Als Nächstes folgte die Fabrik – und damit begann der eigentliche Lernprozess. Bevor wir uns mit der Matelassé-Technik selbst beschäftigten, erfuhren wir mehr über die Prada Academy: das vor rund 25 Jahren ins Leben gerufene Ausbildungsprogramm für Lederwaren, mit dem das Haus das Fertigungswissen der Gruppe bewahren und weitergeben will. Insgesamt arbeiten rund 900 Menschen in dem Fabrikgebäude; etwa 250 davon sind junge Menschen, die das Haus über die Academy gewonnen und ausgebildet hat. Jede neue Taschenidee, jedes Musterstück, noch bevor es überhaupt in Produktion geht, wird zunächst dort gefertigt.
Die Entstehungsgeschichte von Matelassé ist für etwas derart Präzises überraschender, als man erwarten würde: Matelassé war nicht geplant. Es entstand aus einem Experiment, das keineswegs zu einem Markenzeichen werden sollte – und als es auf dem Laufsteg erschien, entwickelte es sich auf eine Weise zum Erfolg, die damals niemand im Designteam vollständig vorausgesehen hatte.
Zwei Jahrzehnte später ist der Prozess noch immer vollständig italienisch und wird von Anfang bis Ende im eigenen Haus umgesetzt. Und so skulptural das fertige Leder auch wirkt: Im Designprozess ist nichts dreidimensional. Jedes Schnittmuster, jedes Panel und jedes einzelne Element einer Matelassé-Tasche wird in 2D-Designprogrammen entwickelt, bevor es überhaupt zu einem physischen Objekt wird.
Die Fertigungstechnik beginnt an der Maschine. Ein Programm wird eingestellt, dann beginnt die Steppung auf dem Lederpanel. Sobald das Panel aus dem übrigen Material herausgeschnitten wird, zieht eine elastische Lycra-Schicht darunter es nach innen und formt die Oberfläche zu jenem erhabenen, strukturierten Muster, dem die Technik ihren Namen verdankt.
Nach dem Zuschnitt werden sämtliche Komponenten einer einzelnen Tasche gemeinsam verpackt und einer Fachkraft für die Montage übergeben. Erst wenn diese Vorarbeit abgeschlossen ist, fügen sie sich zu einer fertigen Tasche zusammen. Von außen ist leicht zu übersehen, wie viele Elemente im Endprodukt stecken. Eine einzelne Wander Bag beispielsweise besteht aus rund 100 Einzelteilen.
Die fertigen Produkte gelangen zu einem Logistikzentrum vor den Toren von Florenz, wo Miu Miu mit langjährigen Fertigungspartnern zusammenarbeitet. Jedes einzelne Produkt, das dort ankommt, wird umfassend geprüft. Ein Teammitglied brachte die Philosophie schlicht auf den Punkt: „Wir überlassen nichts dem Zufall.“ Die Qualitätskontrolle bleibt ein manueller, visueller Prozess – durchgeführt von Menschen, die das Produkt bis ins Detail kennen.
Der vielleicht eindrücklichste Moment des Tages kam von dem Kunsthandwerker, der die Stepp-Demonstration leitete und scherzte, dass er uns nun, da er uns den Prozess gezeigt habe, zum Schweigen über das Geheimnis verpflichten müsse. Er arbeitet seit 42 Jahren in der Lederwarenbranche und hat erlebt, wie sehr sich das Handwerk in dieser Zeit verändert hat. Sein liebster Teil der Arbeit aber ist derselbe geblieben: zu sehen, wie eine Tasche von der Rohware bis zum fertigen Objekt – von Anfang bis Ende – von Hand entsteht.
Auch nach zwanzig Jahren überzeugt Matelassé, weil daran nichts eine Abkürzung ist. Jede einzelne Kräuselung dieses Leders ist das Ergebnis eines Prozesses, der auf Präzision, Geduld und einem Team von Menschen beruht, die jahrzehntelang – manche von ihnen buchstäblich mehrere Jahrzehnte – eine einzige Technik perfektioniert haben.
Bei Miu Miu ging es bei Matelassé nie wirklich um die Vergangenheit. Diese Textur gewinnt immer wieder neue Relevanz, wird von neuen Musen getragen und ist auch zwanzig Jahre später sofort erkennbar – eine Seltenheit in der Mode. Nur wenige Texturen schaffen es, zugleich nostalgisch und aktuell zu wirken. Genau deshalb taucht sie immer wieder an den Armen jener Menschen auf, die die Modewelt unablässig beobachtet.



















