Warum trägt plötzlich wieder jeder Textmarker-Neon?
Vom Rave bis zum Runway: Der Farbton, den alle längst abgeschrieben hatten, ist wieder voll im Trend – und kleine Labels haben es kommen sehen.
Wer dieses Jahr auch nur ein bisschen im Netz unterwegs war, dürfte eine Variante jenes eisigen Aquablaus gesehen haben, das die Feeds der meisten Fashion-Influencerinnen und -Influencer prägt. Der Farbton war womöglich der Auftakt zu einem regelrechten Neon-Revival, angeführt von Indie-Labels mit It-Girl-Appeal – von fluoreszierendem Pink bis Textmarkergelb.
Noch vor wenigen Jahren hätte man sich in diesen augenschmerzhaft grellen Tönen nicht blicken lassen – eine unangenehme Erinnerung an die Mode-Fauxpas der frühen 2010er, direkt neben Schnurrbart-Prints. Doch nach dem überraschenden Comeback von Jelly Shoes und Wedge-Sneakern überrascht es kaum, dass Neon als Nächstes Gen Z zum Opfer fiel.
Wie so oft bei Trends gehörten kleine Indie-Labels zu den Early Adopters: Sie fanden neue Wege, die Farben in Designs zu integrieren, die tatsächlich zu unseren Garderoben im Jahr 2026 passen. Die Fashion-Girls auf TikTok tragen alles von Nii HAi und Fruity Booty bis Gimaguas, Blanch, Other Normal und 2001odyssey. Vielleicht sind dir schon die Wedge-Schuhe von Nii HAi oder die bonbonbunten Pumps von Gimaguas aufgefallen. Warum also gerade jetzt?
Rosie Williams, Gründerin von Nii HAi, sagte gegenüber Hypebae: „Die Trends waren zuletzt ziemlich zurückhaltend, und die Leute wollen mit ihrer Kleidung wieder Spaß haben. Ich persönlich mag die Kombination aus gedecktem Grau und Weiß mit einem kleinen Neon-Akzent sehr gern. Für mich ist das eine natürliche Weiterentwicklung der Trends der vergangenen Jahre.“
Williams ergänzt: „Ich glaube auch, dass soziale Medien eine große Rolle dabei spielen, Trends zu beschleunigen. Knallige Farben ziehen beim Scrollen ganz natürlich die Aufmerksamkeit auf sich, und in einer Welt, in der wir alle um Millisekunden Aufmerksamkeit konkurrieren, stechen sie wirklich heraus. Diese Sichtbarkeit verhilft ihnen viel schneller zum Durchbruch.“
Ein Blick zurück zeigt: Neon war ein prägendes Element der Rave-Kultur der frühen 90er-Jahre – eng verbunden mit Hedonismus, Nachtleben und einem Gefühl von Freiheit. Luxusmodehäuser griffen die Subkultur bald auf. Versace brachte die grellen Töne in SS96 und FW97 bekanntermaßen in Power-Suits und setzte Textmarkergrün, Electric Blue und Signalgelb in markantem Tailoring ein. Mugler und Vivienne Westwood zogen nach – und, vielleicht am überraschendsten, auch Prada. Mit der Einführung von Prada Sport im Jahr 1997 lancierte das Haus auffällige Farbtöne mit dem ikonischen Logo in rotem Streifen – und Neon wurde zur High Fashion.
Heute zeigen die Laufstege, dass Neon eigentlich nie wirklich verschwunden war. Die SS27-Show von Marc Jacobs zählte zu den kaleidoskopischsten Auftritten des Designers überhaupt: ein vierminütiger Sprint durch 31 Looks mit PVC-Tanktops, Krokoleder-Miniröcken und satten Strumpfhosen in Neongelb, Königsblau, Violett und Feuerwehrrot – von der Kleidung bis zu den Beinen im Colorblocking-Look. Diese kontrastreiche, maximalistische Farbpalette hat inzwischen Fashion-Editorials und Streetstyle-Feeds gleichermaßen erobert. Selbst Jacquemus, sonst einer sanften Palette verpflichtet, experimentiert mit derselben bonbonbunten Farbwelt aus Blau, Pink und Gelb, die Indie-Labels lieben. Ein Beleg dafür, dass der Trend weit über die TikTok-Girlies hinausreicht.
Auch Vintage-Handtaschen reiten auf der Neonwelle. Resale-Plattformen verzeichnen einen deutlichen Anstieg des Interesses an City Bags von Balenciaga aus den frühen 2000ern in Neonfarben; fluoreszierendes Gelb und Pink erzielen höhere Preise als ihre gedeckteren Pendants. Noch vor wenigen Jahren war es genau umgekehrt: Die grellen Farben blieben unverkauft und wurden deutlich stärker reduziert als neutrale Modelle. Sammlerinnen und Sammler sind nun wieder hinter jener Ära lauter, unübersehbarer Farben her.
Die Trendprognostiker hatten es kommen sehen. WGSN und Coloro – das Duo, dessen Farbprognosen von Fast Fashion bis hin zu Beauty-Verpackungen in alles einfließen – kürten „Neon Flare“ zu einer ihrer fünf Schlüsselfarben für FW25. Das Comeback verknüpften sie ausdrücklich mit Gen Zs Wiederbelebung der Rave-Kultur und einem breiteren kulturellen Verlangen nach Dringlichkeit. Für SS26 legten sie mit „Electric Fuchsia“ nach, einem lebhaften, dynamischen Neonton zwischen Pink und Violett, der einen trippigen, psychedelischen Eskapismus des digitalen Zeitalters aufgreift, sowie dem frischen, neonartigen „Jelly Mint“. Mit anderen Worten: Die Indie-Labels waren früh dran, aber nicht allein – auch die wichtigsten Trendprognose-Institutionen der Branche beobachteten denselben Wandel.
Interessanterweise folgt die Color of the Year von Pantone nicht demselben Muster. Für 2026 schlug die Farbinstanz einen völlig anderen Weg ein und wählte „Cloud Dancer“, ein sanftes Weiß, als beruhigendes Gegenmittel zu einer überreizten, chaotischen Welt. Das erinnert daran, dass Mode sich nicht als geschlossener Block bewegt: Während Pantones institutionelle Lesart nach Ruhe verlangt, erzählen viele Laufstege, Resale-Märkte und Social-Media-Feeds eine deutlich lautere Geschichte. Genau diese Spannung lässt Neon gerade so aufgeladen wirken: Es ist ebenso eine Rebellion gegen die Quiet-Luxury-Stimmung wie ein eigenständiger Trend.
Warum also gerade jetzt? Zum einen spielt zyklische Nostalgie eine Rolle: Der 20- bis 30-jährige Trendzyklus holt die Y2K- und frühen 2010er-Referenzen ein, die ohnehin schon überall präsent sind. Zum anderen stützen Prognosedaten dieses Gefühl. Und dann ist da schlicht die Stimmung: Nach Jahren beigefarbenen Minimalismus wächst die Lust auf Kleidung, die etwas lauter, verspielter und weniger ernst wirkt. Neon mit seiner in der Rave-Kultur verwurzelten, regelbrechenden DNA passt perfekt dazu.
Ob limettengrüner Spitzen-BH, eisblaue Wedge-Sandale oder eine fluoreszierend gelbe Tasche über der Schulter: Die Botschaft ist dieselbe. Subtilität ist passé, und die kleinen Labels, die nie aufgehört haben, an Farbe zu glauben, erleben gerade ihren Moment.



















