LITKOVSKA entwirft Resilienz: Mode aus Blackouts und Krieg in der Ukraine
„Ich bin so stolz auf die Ukrainer:innen und mein Team, die trotz vier Jahren umfassendem Krieg weiter leben, lieben und kreativ schaffen.“
Es mag drastisch klingen zu sagen, dass Mode den Zustand der Welt widerspiegelt, aber es stimmt – und nur wenige Brands verkörpern das so eindringlich wie LITKOVSKA. Das ukrainischeLabel rückt das vom Krieg gezeichnete Klima des Landes in den Mittelpunkt und macht durch seine Designs Härte, Resilienz und Hoffnung sichtbar.
Die jüngste Runway-Show des Labels bei der Paris Fashion Weekzog ihre direkte Inspiration aus dem Krieg – mit Stirnlampen auf den Köpfen der Models und einem Duft, der an Bombenschutzräume und klirrende Minusgrade erinnern sollte. Eine emotionale Inszenierung und schonungslose Evokation von Situationen, die sich die meisten von uns kaum vorstellen können – diese Designerin scheut die harte Realität nicht. Voller Stolz auf ihre Herkunft und zugleich elektrisiert von der globalen Bühne haben wir Gründerin Lilia Litkovska getroffen, um über ihre Einflüsse zu sprechen und darüber, wie der andauernde Krieg ihre Kreativität geprägt hat.
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Kannst du uns ein wenig über dein Label erzählen – und darüber, wie du mit dem Designen begonnen hast?
Ich bin Designerin, seit ich auf der weiterführenden Schule war – damals wusste ich nicht einmal, dass „Designer“ ein Beruf ist. In unserem Familienarchiv gibt es ein Foto von mir, wie ich bei einer improvisierten Modenschau ein Kleid präsentiere, das ich für meine Klasse und meine Lehrer entworfen hatte. Ich fand es faszinierend, die Welt um mich herum – Musik, Bücher, Kunst, Natur und das Leben der Menschen in meinem Umfeld – in etwas zu übersetzen, das meine Vision und meinen Geschmack widerspiegelt. Kleidung war dafür der natürlichste Ausdruck.
Ich habe Kleider für meine Freundinnen entworfen und genäht, dann für deren Freundeskreis und so weiter. Irgendwann gestaltete ich Kostüme für ukrainische Tänzer, Sängerinnen und Künstler. Manche waren damals schon Stars, andere einfach Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin.
Ich habe LITKOVSKA 2009 in Kyiv gegründet, um Kleidung mit Tiefe und Haltung zu schaffen. Es war nie als Marke für alle gedacht. Mein Ziel war es, weiter zu forschen und etwas zu kreieren, an das ich wirklich glaube – Kleidung, die die innere Welt von Frauen mit starken Persönlichkeiten widerspiegelt und stärkt. Und mir war klar, dass ich global gehen musste, um diese Botschaften zu teilen.
2017 wurden wir in den offiziellen Kalender der Paris Fashion Week aufgenommen und sind seitdem dort vertreten. Heute sind wir in über 60 Stores in 20 Ländern präsent, darunter Dover Street Market.
Du hast in der vergangenen Saison der Paris Fashion Week deine erste Runway-Show inszeniert. Kannst du uns etwas über diese Kollektion und das Gesamterlebnis erzählen?
Wir stehen seit neun Jahren auf dem offiziellen Kalender der Paris Fashion Week, aber in dieser Saison haben wir unsere erste große Runway-Show gezeigt – ein riesiger Meilenstein für die Marke.
Ich habe diese Show und die Kollektion etwas gewidmet, das mir zutiefst am Herzen liegt: dem Kampf meines Heimatlandes Ukraine im Krieg. Ich bin so stolz auf die Ukrainerinnen und auf mein Team, das trotz Jahren des groß angelegten Krieges weiter lebt, liebt und kreiert. Dieser Winter war brutal. Die Russen zerstörten die Infrastruktur und griffen Nacht für Nacht Zivilisten an, sodass Millionen Menschen bei Temperaturen von bis zu minus 30 Grad ohne Strom und Heizung auskommen mussten. Aus diesem härtesten Winter, den wir je erlebt haben, ist die Kollektion entstanden.
Wenn ich in meine gefrorene Wohnung zurückkam, sah ich Menschen mit Stirnlampen durch die Straßen laufen, weil es keine Beleuchtung gab. Dieses Bild ist in mir geblieben. Ich wollte dieses Licht nach Paris, bringen – nicht nur als visuelle Geste, sondern als Energie. Denn es geht nicht nur um äußeres Licht, sondern um das innere Leuchten, das Menschen miteinander teilen und mit dem sie die Hoffnung am Leben halten.
Wir beendeten die Show mit langsam fallendem schwarzem Schnee. Es war sehr emotional. Als ich zum Schlussapplaus auf den Laufsteg ging und ins Publikum schaute, wurde mir klar, dass dieses Licht die Verbindung geschaffen hatte, nach der ich gesucht hatte.
Für die Show habt ihr einen eigenen Duft kreieren lassen, um die Atmosphäre einzufangen. Kannst du ihn beschreiben? Welche Assoziationen sollte er wecken?
Ich hatte immer davon geträumt, den Geruch meines Kyiv einzufangen. Der Krieg hat ihn radikal verändert: Schönheit, Liebe und Geschichte sind nun mit Elementen des Krieges verwoben – und dieser Moment fühlte sich richtig an. Wir wollten, dass der Raum wie Kyiv in diesem Winter riecht: nach dem Bombenschutzraum, in dem ein Teil der Kollektion entstanden ist. Kalte Luft, Beton, Feuchtigkeit, Generatoren und Diesel – aber mit sekundären Noten von Frühlingserde und dem ersten Gras, als Zeichen der Hoffnung.
Ich habe mit meinem Freund, dem Parfümeur Eugen Lazarchuk, zusammengearbeitet, und es hat lange gedauert, bis wir die perfekte Balance gefunden hatten. Es war wichtig, das Publikum vollständig in die Realität der Kollektion eintauchen zu lassen – und der Duft war ein essenzieller Teil davon.
Du lässt dich auch von Architektur inspirieren. Was hat dich ursprünglich an Bauwerken angezogen?
Mich haben Formen schon immer fasziniert: wie sie von außen wirken und wie sie das Innenleben der Menschen, die in ihnen wohnen, verbergen oder preisgeben. Architektur trägt die Bedeutung ihrer Zeit in sich und bewahrt eine ganze Epoche. Man kann ein Jahrzehnt, eine Kultur, ein gesamtes Wertesystem darin lesen, wenn man sich anschaut, was Menschen zu bauen beschlossen haben. Bauten, die Jahrhunderte überdauern, erzählen alles über die Menschen, die sie geschaffen haben, und die Welt, an die sie glaubten. Ich bleibe in Paris oft vor Gebäuden stehen, um den Namen des Architekten zu lesen, der in die Fassade graviert ist. Was für eine wunderbare Tradition!
Als ukrainische Designerin ist deine Arbeit tief vom anhaltenden Krieg geprägt. Wie beeinflusst das deine Kreativität und deinen Prozess?
Der Krieg ist für mich nichts Abstraktes, er betrifft mich unmittelbar: meine Freunde, meine Familie, mein Team. Während ich diese Frage beantworte, malt meine Tochter gerade ein Bild mit den Worten „Alle gehen in den Bombenschutzraum“ und hält es mir hin. Natürlich beeinflusst mich das – und wird es wahrscheinlich noch lange tun.
Die Kollektionen, die ich kreiere, sind ein integraler Teil von mir. Der Krieg zwingt mich dazu, noch tiefer nach dem zu suchen, was im Leben wirklich zählt: Liebe, Hoffnung, Durchhaltevermögen, Würde, Ehrlichkeit – ganz sicher nicht materielle Dinge, von denen ich mich verabschiedet habe, als ich mit meiner Tochter in Sicherheit floh und an meinen Mann dachte, der zurückblieb, um die Ukraine zu verteidigen.
Ich empfinde eine enorme Verantwortung, unser Volk weltweit zu repräsentieren, daher ist mir die Botschaft extrem wichtig. Ich glaube, die Teile sind wahrhaftiger und direkter geworden – darauf ausgerichtet, echte Emotionen zu transportieren. Ich habe mein Team und meine Produktion ganz bewusst in der Ukraine behalten. Ich kann diese Menschen nicht im Stich lassen oder ihnen ihre Hoffnung nehmen.
Wie hat sich deine Designphilosophie seit der Gründung der Marke entwickelt?
Ich habe als Verstörerin begonnen, als Rebellin, wenn du so willst. Ich war aktiv dabei, mich selbst zu finden, meinen Stil zu definieren, und sah keinerlei Grenzen. Ich habe alles um mich herum aufgesogen. Individualität war mir heilig – ich habe sie ins Zentrum meiner Arbeit gestellt. Jede Frau möchte einzigartig sein, also warum ihr nicht helfen, sich von auferlegten Trends und Regeln zu lösen? Ich möchte, dass sie noch stärker und selbstbewusster wird, ohne ihre feminine Verletzlichkeit zu verlieren.
Deshalb hat das Etikett, das wir an unsere Kleidung anbringen, zwei Lagen: eine mit LITKOVSKA und darüber eine leere, weiße – dort kann die Trägerin ihren eigenen Namen eintragen. Wir werden zu Co-Creators, denn ein Kleidungsstück ist nur so lebendig und schön wie die innere Energie der Person, die es trägt.
Ich mag nichts, was in Massen produziert wird; Massenproduktion tötet Individualität. Und ich stelle Wahrhaftigkeit über alles: Ein Teil muss bis ins Detail durchdacht sein, innen wie außen – keine Kompromisse bei Intention oder Qualität. „There is no wrong side“ ist mein Motto.
Heute bin ich feiner geworden als vor zwanzig Jahren. Ich entdecke mich immer noch, bin aber viel stärker darauf fokussiert, die Philosophie zu vermitteln, die in mir gereift ist. Fühle ich mich noch wie eine Rebellin? Ehrlich gesagt: ja. Das ist ein wesentlicher Teil von mir.
Kannst du uns durch deinen kreativen Prozess führen – vom ersten Konzept bis zur finalen Kollektion?
Ich baue meine Arbeit um die stärksten Emotionen, die ich in einem bestimmten Moment erlebe – sei es beim Besteigen des Kilimanjaro mit Veteranen, die im Krieg Gliedmaßen verloren haben, auf Reisen durch entlegene ukrainische Dörfer mit tief verwurzelten Traditionen, beim Besuch von Japanoder Nepal oder beim Überstehen eines brutalen Winters in Kyiv. Diese Erfahrungen schenken mir Stimmung und Energie. Ich forme sie zu ersten Botschaften, die sich im Laufe des kreativen Prozesses zum Leitmotiv der Kollektion verdichten. Die Arbeit fließt nicht immer leicht; ich bin oft unglaublich nervös, wenn wir vom Kurs abzukommen scheinen. Aber wenn sich schließlich alles fügt, empfinde ich eine enorme Erleichterung.
All das landet zunächst auf einem Moodboard. Von dort aus arbeiten wir in der Sprache der Marke weiter. Wir beginnen, Materialien zu recherchieren und neue Techniken zu erkunden, die sich stimmig zur ursprünglichen Idee anfühlen. Parallel entwickeln wir Skizzen, danach folgen Fittings. Manchmal probieren wir ein Teil drei- oder fünfmal an und entscheiden trotzdem, es nicht in die finale Kollektion aufzunehmen. Jedes Piece durchläuft seine ganz eigene Geburt. Und am Ende ist es der Runway, der uns zeigt, was wir erreicht haben.
Mit Anspielungen auf die zeitgenössische Nomadin und technische Gear, die für extreme Bedingungen gemacht ist – wie definierst du heute die Kernidentität der Marke?
Heute ist die Identität von LITKOVSKA das, was ich intellektuellen Utilitarismus nennen würde: verfeinertes Tailoring, das zur Rüstung wird. Die zeitgenössische Nomadin ist für uns kein romantisiertes Bild, sondern die Realität eines Menschen, der sein Zuhause und seinen Sinn mit sich trägt. Die technischen Details in unseren Kollektionen sind keine Dekoration, sondern Werkzeuge für Überleben und Mobilität. Wir kombinieren archaische Codes mit funktionalem Design zu einer Garderobe, die als System funktioniert – mit Kleidung als verlässlichem Companion, der dir ein Gefühl von Schutz gibt und bestätigt, dass du selbst in turbulenten Zeiten deine innere Architektur bewahren und weiterbauen kannst.
Wir haben Funktion und Schönheit nie als Gegensätze verstanden. Seit Jahrtausenden schaffen Menschen funktionale Objekte und fügen ihnen Designelemente, eine persönliche Note, hinzu, um mehr Freude daran zu haben, sie zu besitzen und zu benutzen. Das gilt für viele traditionelle Handwerke – und wir führen diesen Ansatz weiter.
Hat sich dein Verhältnis zu Heimat und Heritage in den vergangenen Jahren verändert?
Ja, sehr. Früher war Heritage vor allem eine Quelle, aus der ich kreativ geschöpft habe: ukrainisches Handwerk, barocke Architektur und die Schneidertradition in meiner Familie.
Heute ist ein Gefühl der Verantwortung hinzugekommen. Ich arbeite international und lasse mich von vielen Orten der Welt inspirieren. Aber ich empfinde die Pflicht, die wichtigsten Botschaften aus meinem Land zu tragen: die unglaubliche Resilienz, den Willen zu leben und zu siegen, die Bewahrung von Werten und den Heroismus. Die Ukraine kreiert weiter – so überleben wir, und so werden wir am Ende gewinnen.
Heritage ist für uns kein Museum, sondern eine lebendige Kraft, die gepflegt werden muss. Darum geht es auch in unserer ARTISANAL Line, einer Demi-Couture- und Upcycling-Linie, die wir 2018 lanciert haben. Wir sammeln Stoffreste, Vintage-Teile und Überbleibsel aus früheren Kollektionen, reißen sie wieder in Fäden und schicken sie in ländliche Regionen der Ukraine, wo sie auf hundert Jahre alten Webstühlen mit traditionellen Techniken neu verwoben werden. Für eine einzige Jacke können über 37 Stunden Handarbeit nötig sein. Jedes Piece ist einzigartig, rückverfolgbar und vollständig von Hand gefertigt.
Es ist eine Ode an die Kontinuität der Generationen und die Idee, dass nichts wirklich alt oder neu ist – dass Dinge sich verwandeln und Erinnerung weitertragen. Diese Philosophie durchzieht alles, was wir machen. Und gerade jetzt fühlt es sich wichtiger denn je an, diese Handwerkstraditionen lebendig zu halten.
Was kommt als Nächstes für LITKOVSKA?
Ich möchte nicht planen. In dem Moment, in dem ich anfange zu planen, bin ich weniger ehrlich zu mir selbst – und wie soll ich aus diesem Zustand heraus kreieren? Ich bin überwältigt von Emotionen und Gedanken, die ich mit der Welt teilen möchte. Wir gehen weiter unseren Weg, und ich freue mich, dass mit jedem Jahr mehr Menschen unsere Philosophie als nah an ihrer eigenen empfinden.



















