Gab Bois macht aus Banalem bizarre Kunst
Die surreale Bildkünstlerin spricht über KI und ihre neueste Brand-Kollaboration.
Ein Minirock aus Kugelschreibern, ein zur Handtasche verwandelter Kopfsalat, ein BH aus Orangenschalen – das sind nur einige der Dinge, die man auf derInstagram-Seite von Gab Bois. Die Montreal-basierte Bildkünstlerin hat ein ganz eigenes visuelles Universum geschaffen, in dem Alltagsgegenstände mit surrealer – und bisweilen verstörender – Präzision neu gedacht werden. Unterstützt von einem kompletten Studioteam und einem Publikum von fast 700.000 Followern hat sich ihre Seite zu einer Kultadresse für Mode- und Designfans entwickelt, die das Unkonventionelle lieben. Hier wird das Absurde tragbar … Garnelenohrringe, irgendwer?
Kein Wunder, dass sich Brands bei ihr die Klinke in die Hand geben. Über Auftragsarbeiten und Kollaborationen übersetzt Bois ihre unheimlichen Ideen in High-Concept-Visuals, die zugleich bizarr und erstaunlich zugänglich wirken. Seit 2020 pflegt sie einen fortlaufenden kreativen Dialog mit Balenciaga, für die sie digitale Kampagnen entwickelt, die die Grenze zwischen Fantasie und Mode verschwimmen lassen. Auf ihrer Kundenliste stehen außerdem Schwergewichte wie Nike, Valentino und e.l.f. Cosmetics, während sie redaktionell bereits die belgische Popstar Angèle in Signature-Pieces gestylt hat – darunter auch den inzwischen ikonischen BH aus Orangenschalen.
Bois’ jüngste Kollaboration taucht voll und ganz in den Surrealismus ein. Nachdem das unabhängige Label ESENES, das kürzlich mit seiner „Dumpling Bag“ viral ging (sie sieht exakt so aus, wie sie heißt), ihre Arbeit online entdeckt hatte, holte es Bois ins Boot, um eines ihrer Konzeptdesigns zum Leben zu erwecken. Gemeinsam brachten sie nun den „Bag Boot“ heraus – Schuhe, die buchstäblich als braune Papiereinkaufstüten getarnt sind. Ursprünglich Anfang 2025 von Bois erdacht, ist das Piece jetzt vollständig realisiert und lässt die Grenze zwischen Internetkonzept und greifbarem Produkt verschwimmen.
Kannst du uns ein wenig von dir und deinem bisherigen Weg erzählen?
Hi! Ich bin Bildkünstlerin und Designerin mit Sitz in Montreal, Kanada. 2021 habe ich mein Creative Studio gegründet, das als treibende Kraft hinter der kommerzielleren Seite meiner Arbeit fungiert. Über das Studio arbeiten wir mit Brands, Institutionen und anderen Artists zusammen, um meine Ideen und meine Ästhetik in unterschiedliche Formate zu übersetzen – Kampagnen, Musikvideos, Produktdesigns, Installationen und Experiences … im Grunde jedes Medium, das am besten zu einem kreativen Ziel passt.
Wie würdest du dein Medium beschreiben? Und wie beeinflusst ein komplettes Studioteam deinen Prozess als Einzelkünstlerin?
Ich trage mit Stolz viele Hüte. Ich mag das Wort „Creative“, gerade weil es so weit gefasst ist – auch wenn das manche nervt. In meinem Fall beschreibt es aber am besten all die Rollen, die ich bereits hatte und in die ich vielleicht noch hineinwachse.
Ein Allround-Talent zu sein bedeutet, keinen ganz spezifischen Expertenstatus zu beanspruchen, aber ich glaube, meine eigentliche Stärke liegt in den Ideen. Ich komme mit verschiedenen Umsetzungs- und Produktionstechniken ziemlich weit, doch ein Team zu haben, hat alles verändert. Eine gute Führungsperson zu sein heißt für mich, andere in den Bereichen glänzen zu lassen, in denen man selbst nicht glänzt.
Kannst du uns ein bisschen über deine jüngste Kollaboration mit ESENES erzählen? Was war die Inspiration dahinter?
Wie viele unserer Kollaborationen begann auch diese mit einem Instagram-Post. Vor zwei Wintern haben wir eine Bildserie gemacht, in der Boots aus verschiedenen „taschenartigen“ Materialien gebaut waren – braune Papiertüten, Zip-Lock-Beutel, Müllsäcke, solche Dinge.
ESENES meldete sich gezielt wegen der Paper-Bag-Boots, die auch meine Favoriten aus der Serie waren. Sie kamen mit viel Enthusiasmus für die Idee, aber auch mit einer sehr starken Produktionsstruktur und einer klaren Vision – dadurch wirkte alles sehr schnell sehr real. Ich liebe es, wenn etwas, das als einmaliges, nicht-funktionales Requisit für ein Bild beginnt, ein zweites Leben als echtes Objekt erhält. Es fühlte sich deshalb wie eine sehr natürliche Kollaboration an.
In deiner Instagram-Bio steht „Not AI“. Wie gehst du mit dem aktuellen Tech-Klima und den AI-Vorwürfen um? Hast du darüber nachgedacht, AI zu nutzen?
Es ist ein schmaler Grat, weil mein Prozess super analog ist und der digitale Part im Grunde erst dazukommt, wenn wir die Arbeiten fotografisch dokumentieren. Deshalb ist es mir wichtig, das klarzustellen, damit die Leute die Arbeiten mit diesem Verständnis betrachten – im Wissen, dass sie tatsächlich von Hand gebaut wurden.
Das heißt nicht, dass ich komplett anti-AI bin. Ich finde, sie hat sehr beunruhigende Auswirkungen – sowohl ökologisch als auch darauf, wie wir denken und kreieren. Gleichzeitig sehe ich aber auch echtes Potenzial, etwa in der Medizin. Ich glaube nur nicht, dass sie als finales künstlerisches Ausdrucksmittel wirklich Wert hat. Aber das ist nur meine persönliche Meinung.
Ein Großteil deiner Arbeiten dreht sich um Essen. Woher kommt diese Faszination?
Meine Faszination für Essen kommt aus einer Mischung aus persönlicher Geschichte und seiner visuellen Qualität als Sujet. In meiner Kindheit war Essen immer mit Momenten von Fürsorge und Kreativität verknüpft. Mein Vater holte mich in der Mittagspause von der Schule ab und verwandelte einfache Mahlzeiten in etwas Verspieltes und Unvergessliches – das hat definitiv stark beeinflusst, wie ich Essen heute wahrnehme.
Darüber hinaus ist Essen etwas, zu dem jede*r eine Beziehung hat – das macht es zu einem sehr zugänglichen Einstieg. Mich reizt, wie vertraut es ist und wie sich genau diese Vertrautheit auf unerwartete Weise unterlaufen lässt.
Gibt es eine Traumbrand oder eine Person, mit der du unbedingt zusammenarbeiten möchtest?
Ich würde sagen, mich interessieren vor allem Menschen und Brands mit einer starken Haltung und einem Sinn für Verspieltheit – und Konstellationen, in denen Raum entsteht für etwas, das ohne genau diese spezielle Kollaboration nicht existieren könnte.
Was konkrete Namen angeht, ändert sich das ehrlich gesagt täglich – aber die Shortlist für heute wären irgendein Animal Rescue oder ein Sanctuary, Redbull, Tyler, The Creator und Zach Cregger.
Du hast eine eigene Produktlinie entwickelt, inklusive Fashion-Pieces. Möchtest du das weiter ausbauen?
Ja, auf jeden Fall. Die Produktlinie zu entwickeln, war mir wichtig – nicht nur als Verlängerung meiner Arbeit, sondern auch als Möglichkeit, Ideen über Nutzung, Produktion und Distribution zu verstehen. Das hat mich dazu gebracht, über das reine Bild hinauszudenken.
Ich würde sie gern weiter ausbauen – aber so, dass es sich weiterhin bewusst und stringent anfühlt. Mich interessieren Stücke, die irgendwo zwischen funktionalem Objekt und Sammlerstück liegen, die dieselbe visuelle Sprache und denselben konzeptuellen Ansatz wie meine übrige Arbeit tragen und sich mit dem Kern meiner Praxis decken.
Viele deiner Arbeiten sind viral gegangen. Wie funktioniert Social Media deiner Meinung nach heute als Tool für Künstler*innen? Spürst du den Druck, mehr von deiner Identität zu teilen?
Instagram und die gesamte Channel-Landschaft haben sich seit meinem Start vor zehn Jahren extrem verändert. Ich fühle mich heute viel distanzierter davon; es wirkt nicht mehr, als wäre es für die User gemacht, sondern eher so, als würden wir eine große Corporate Agenda bedienen, die wir nicht wirklich durchschauen.
Ich teile dort nach wie vor gern meine Arbeit und halte dieses Gefühl von Verbindung und Community lebendig, aber als Tool ist es für mich nicht mehr so prägend. Ich habe es immer bevorzugt, die Arbeit für sich sprechen zu lassen, statt mich als Person in den Mittelpunkt zu stellen. Da bin ich ziemlich stur – auch wenn das gerade nicht unbedingt das ist, was die Algorithmen pushen, fühlt es sich richtig an, und das reicht mir als Grund.
Was steht als Nächstes bei dir an?
Eine ganze Menge! Ich baue das Studio weiter aus und nehme Projekte an, die uns in neue Formate und Maßstäbe bringen – immer sehr ideegetrieben. Auf der Produktseite kommt ebenfalls mehr, worauf ich mich immer besonders freue. Parallel arbeite ich an längeren Formaten, inklusive Film, was sich wie eine natürliche Erweiterung von allem anfühlt, was ich bisher aufgebaut habe. Ich bewege mich auf dem schmalen Grat, meine Praxis weiterzuentwickeln, ohne ihren Kern zu verlieren.



















